5.4.1   Expositionsstufen für luftgetragene Biostoffe

(1) Dem Konzept der Expositionsstufen liegt die Annahme zugrunde, dass die Gefährdung mit der Höhe der Exposition steigt. Die Expositionsstufen sind in Form einer Konvention festgelegt.
(2) Am Arbeitsplatz sind es insbesondere die luftgetragenen sensibilisierenden Biostoffe, die in hoher Konzentration über lange Zeit und wiederholt eingeatmet, zur Sensibilisierung bis hin zu allergischen Atemwegserkrankungen führen können. Für die Beurteilung des sensibilisierenden Potenzials liegen weder Arbeitsplatzgrenzwerte noch Dosis-Wirkungsbeziehungen vor.
(3) Toxisch wirkende Biostoffe können systemische oder lokale Effekte (z. B. Atemtrakt, Augenschleimhäute) bewirken. Für die toxische Wirkung von Pilzen oder Bakterien gibt es keine Dosis-Wirkungsbeziehungen und somit auch keine gesundheitsbasierten Grenzwerte.
(4) Die Höhe der Exposition gegenüber sensibilisierenden oder toxischen Biostoffen in der Luft am Arbeitsplatz wird auf der Basis von Konventionen in folgende Expositionsstufen unterteilt:
  • Expositionsstufe „erhöht“
  • Expositionsstufe „hoch“
  • Expositionsstufe „sehr hoch“
(5) Für die Zuordnung zu Expositionsstufen stehen zwei Möglichkeiten zur Verfügung:
  1. anhand von Messwerten,
  2. anhand von Materialeigenschaften, Tätigkeits- und Arbeitsplatzmerkmalen.
a) Zuordnung von Tätigkeiten anhand von Messwerten
Auch wenn die Biostoffverordnung keine Messverpflichtung vorgibt, können Arbeitsplatzmessungen oder die Nutzung bestehender Messwerte, ggf. aus vergleichbaren Tätigkeiten, für die Gefährdungsbeurteilung hilfreich sein. Geeignet sind nur Messwerte, die auf einer standardisierten Messmethodik basieren und für die repräsentative Werte für die Hintergrundbelastung vorliegen (siehe Anlage 2). Liegen für eine Tätigkeit Messwerte für verschiedene Biostoffe vor, sind die mit der höchsten Expositionsstufenzuordnung entscheidend.
Schimmelpilze
Die Expositionsstufen für luftgetragene Schimmelpilze werden wie folgt festgelegt:
  • Expositionsstufe „Erhöht“
    10.000 (104) bis 100.000 (105) KBE*/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration erhöht.
  • Expositionsstufe „Hoch“
    100.000 (105) bis 1.000.000 (106) KBE/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration hoch.
  • Expositionsstufe „Sehr hoch“
    größer 106 KBE/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration sehr hoch.
Endotoxine
Die Expositionsstufen für luftgetragene Endotoxine werden wie folgt festgelegt:
  • Expositionsstufe „Erhöht“
    100 (102) bis 1.000 (103) EU*/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration erhöht.
  • Expositionsstufe „Hoch“
    1.000 (103) bis 10.000 (104) EU/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration hoch.
  • Expositionsstufe „Sehr hoch“
    größer 104 EU/m3; in diesem Bereich ist die Arbeitsplatzkonzentration sehr hoch.
Die Expositionsstufen sind nicht gesundheitsbasiert. Sie orientieren sich an der natürlichen Hintergrundkonzentration von Biostoffen in der Außenluft (vergleiche Anlage 2).
b) Zuordnung von Tätigkeiten anhand von Materialeigenschaften, Tätigkeits- und Arbeitsplatzmerkmalen
Liegen keine Werte von Arbeitsplatzmessungen vor, so ist eine Orientierung anhand Materialeigenschaften, Tätigkeits- und Arbeitsplatzmerkmalen möglich.
Bei Tätigkeiten mit Materialien, die Biostoffe enthalten, mit Biostoffen kontaminiert oder besiedelt sind, z. B. unbehandelten Naturmaterialen oder Abfällen, ist in der Regel mit der Freisetzung von Biostoffen in die Atemluft und einer erhöhten Exposition zu rechnen, es sei denn die Freisetzung ist ausgeschlossen. Dies gilt auch für Tätigkeiten mit Tieren, Tiermaterialien wie Tierhaaren oder tierischen Ausscheidungen. Tätigkeiten mit geringem Umfang insbesondere hinsichtlich der gehandhabten Menge, fallen in der Regel nicht in die Expositionsstufe „Erhöht“, z. B. das Bestücken von Obst- und Gemüseauslagen im Einzelhandel.
Ob die Tätigkeiten den Expositionsstufen „Hoch“ oder „Sehr hoch“ zuzuordnen sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zählen:
Materialeigenschaften
  • unbehandelte Naturprodukte, z. B. Jute, Hopfen, Reet
  • Sichtbarer Schimmelpilzbefall, z. B. Sanierung von Archivgut
  • Hohe spezifische Oberfläche, z. B. Holzhackschnitzel, Kräuter und Gewürze
  • Neigung zur Staubfreisetzung, z. B. Heu, Getreide
  • Grad der Verarbeitung, z. B. bei Baumwolle oder Flachs
Tätigkeitsbezogene Faktoren
  • Intensität der Bewegung oder Be- und Verarbeitung der Materialien, z. B. Rüttelsiebe, offene Übergabestellen von Förderbändern
  • unmittelbarer Kontakt zu kontaminierten Materialien
  • Menge der gehandhabten Materialien, z. B. im Großhandelsmaßstab
  • Dauer und Häufigkeit der zu bewertenden Tätigkeit
  • Tätigkeiten mit Aerosolbildung, z. B. beim Einsatz von Hochdruckreinigern, beim Fräsen oder Schleifen
Arbeitsplatzbezogene Faktoren
  • Arbeiten in geschlossenen Räumen mit unzureichender Lüftung, z. B. in Hallen ohne Querlüftung
  • Lagerbedingungen, die eine Vermehrung von Biostoffen begünstigen, z. B. Lagerung im Außenbereich mit Witterungseinfluss
  • Ausfall technischer Einrichtungen, z. B. Lüftung, Trocknungsprozesse
Es kann davon ausgegangen werden, dass mit der Zahl der Faktoren die zutreffen, die Höhe der Exposition steigt.
Bei Unsicherheiten über die Höhe der Exposition können Arbeitsplatzmessungen gemäß TRBA 405 „Anwendung von Messverfahren und technischen Kontrollwerten für luftgetragene Biologische Arbeitsstoffe“ hilfreich sein.
In der Tabelle in der Anlage 4 werden Tätigkeiten und die damit in der Regel verbundene Expositionsstufe beispielhaft aufgelistet.
Fußnote *
KBE steht für Koloniebildende Einheiten
Fußnote *
EU steht für Endotoxineinheiten (englisch endotoxin units)