6   Vorsorgen für Not- und Gefahrenfälle

Im Not- oder Gefahrenfall, z. B. bei Ausfall der Energieversorgung, müssen die szenisch bewegten Personen jederzeit in einen sicheren Bereich gelangen können (z. B. Notablass).
Das Verhalten für Not- und Gefahrenfälle muss regelmäßig mit allen daran Beteiligten geprobt und diese Probe muss dokumentiert werden. Dies gilt insbesondere nach längeren Pausen oder bei einer Wiederaufnahme in der nachfolgenden Spielzeit. Bei Darbietungen, die für eine längere Dauer angesetzt werden, soll der Zeitraum zwischen zwei Proben vier Wochen nicht überschreiten.
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Symptome und Beschreibung des Hängetraumas
 
Durch längeres, bewegungsloses Hängen im Gurt fehlt der Widerstand unter den Füßen und die so genannte „Muskelpumpe“ zur Förderung des venösen Blutrückstromes kann nicht mehr wirken (Versacken des Blutes in den Beinen – Orthostase). In der Folge kann es aufgrund unterschiedlicher pathophysiologischer Mechanismen zum Schock, unter Umständen mit Todesfolge, kommen.
Pathophysiologische Faktoren des Hängetraumas:
  • Muskelpumpe fällt aus (Minderung des venösen Rückstroms)
  • Relative Hypovolämie (Versacken des Blutes in den Beinen)
  • Zellschwellung/Zellfunktionsstörung
  • Minderung der Herzauswurfleistung
  • Störungen auf zellulärer Ebene (Sauerstoffmangel)
Die Auswirkungen eines längeren, bewegungslosen Hängens in einem Auffanggurt können je nach Gesundheits- und Körperzustand der Person individuell sehr unterschiedlich sein. Folgende Symptome können auf die Entstehung eines Hängetraumas hinweisen:
  • Blässe,
  • Schwitzen,
  • Kurzatmigkeit,
  • Pulsanstieg oder Pulsabstieg,
  • Blutdruckanstieg oder Blutdruckabfall,
  • Sehstörungen,
  • Schwindel,
  • Übelkeit.
Durch die Auswahl und richtige Verwendung des geeigneten Gurtzeuges sowie insbesondere eine rasche Rettung kann eine Gefährdung durch einen –orthostatischen Schock“ (Hängetrauma) beim Sturz in den Gurt deutlich reduziert werden. Da die Rettung eine besondere Ausstattung benötigt, ist diese im Vorfeld sorgfältig zu planen. Die Erste Hilfe nach einem aufgefangenen Sturz ist auf die Gefahr des Hängetraumas abzustimmen. Personen in szenischen Darstellungen sind zu richtigem Verhalten im Notfall (auch der eigenen Person) zu unterweisen, entsprechende Verhaltensweisen sind einzuüben.
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Verhalten bei freiem Hängen
 
Grundsätzlich sollte die betroffene Person möglichst schnell aus der freihängenden Position befreit werden.
Solange eine Person noch handlungsfähig ist, kann sie unterschiedliche Maßnahmen ergreifen, um dem Blutstau in den Beinen entgegen zu wirken. Dazu ist es notwendig, dass die im Gurt hängende Person die Beine bewegt. Effektiver ist es, die Beine abzustützen und gegen einen Widerstand zu drücken. Hierfür sind Trittschlingen, z. B. ein Halteseil mit Längeneinstellvorrichtung oder eine Prusikschlinge, geeignet. Damit kann sich die frei hängende Person entlasten, die „Muskelpumpe“ kann in Gang gehalten und eine eventuelle Einschnürung im Oberschenkel gelöst werden.
Das Halteseil mit Längeneinstellvorrichtung wird dabei an den beiden seitlichen Halteösen des Auffanggurtes befestigt. Die Länge des Seiles ist so einzustellen, dass die im Seil hängende Person ihre Füße in die so entstandenen Seilschlaufen stemmt, um die Muskelpumpe zu betätigen. Die Prusikschlinge, eine Reepschnur, wird mit dem Prusikknoten – einem lösbaren Klemmknoten – am Sicherungsseil befestigt. Die Länge der Prusikschlinge ist auf die Körpergröße abzustimmen, so dass sich die Person durch Hineintreten in die Schlinge entlasten kann. Die Anwendung der Prusikschlinge sollte vorher geübt werden. Die Prusikschlinge wird bereits vor Arbeitsbeginn für den „Ernstfall“ vorbereitet und leicht zugänglich und erreichbar – z. B. in einer Schutztasche am Auffanggurt – verstaut.
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Eigenmaßnahmen ohne Hilfsmittel
 Sollte kein Halteseil mit Längeneinstellvorrichtung oder keine Prusikschlinge zur Verfügung stehen, kann sich die frei im Seil hängende Person wechselweise jeweils mit einem Fuß fest auf den anderen Fuß treten. Dabei wird der untere Fuß kräftig mit den Zehen nach oben gezogen. Dies hält allerdings nur für eine sehr kurze Zeit (wenige Minuten) den Rückfluss des Blutes aus den unteren Extremitäten in Gang.
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Rettung
 
Hilflose Personen müssen möglichst schnell aus der freihängenden Position befreit werden. Es liegt in der Verantwortung des Unternehmers bzw. der Unternehmerin, die schnelle Rettung einer im Auffanggurt hängenden Person zu gewährleisten.
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der öffentliche Rettungsdienst meist nicht über Einrichtungen und Personal für die Höhenrettung verfügt. Für eine schnelle Rettung muss deshalb der Unternehmer bzw. die Unternehmerin in der Regel selbst Einrichtungen und Sachmittel sowie fachkundiges Personal zum Retten hängender/aufgefangener Personen bereitstellen (§ 24 Abs. 1 DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“).
Einzelheiten zu möglichen Rettungsmaßnahmen bzw. deren Planung enthält die DGUV Regel 112-199 „Retten aus Höhen und Tiefen mit persönlichen Absturzschutzausrüstungen“.
Weiterführende Informationen und Hinweise finden sich in der DGUV Information 204-011 „Erste Hilfe – Notfallsituation: Hängetrauma“, unter http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/204-011.pdf zum Download.
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Hinweise zur Ersten Hilfe und ärztlichen Versorgung
 
Das Hängetrauma ist ein medizinischer Notfall. Es ist umgehend der Notruf abzusetzen. Notärztliche Hilfe anfordern!
Nach der Rettung der Person sind die üblichen Maßnahmen der Ersten Hilfe anzuwenden (siehe DGUV Information 204-007 “Handbuch zur Ersten Hilfe“). Die initiale Lagerung richtet sich nach dem Wunsch des Betroffenen. Häufig ist eine Flachlagerung sinnvoll. Auf weitere Verletzungen durch den Sturz ist zu achten.
Bei der rettungsdienstlichen Versorgung ist unter anderem zu denken an:
  • Vorerkrankungen (auch als mögliche Sturzursache),
  • Hypo-/Hyperthermie (Auskühlung, Hitzschlag),
  • Hypoglykämie (Unterzuckerung),
  • Herzrhythmusstörungen
Die früher empfohlene Kauerstellung ist hinfällig und wird nicht mehr gelehrt.
Hinweis: Bei einem einfachen Brustgurt (ohne Beingurte) oder bei einem schlecht angepassten Gurt, bei dem das Gewicht hauptsächlich vom Brustteil des Gurtes aufgenommen wird, ist, in Abhängigkeit der Konstitution, mit Gesundheitsschäden bereits nach wenigen Minuten zu rechnen.
Das Ausmaß der Gesundheitsschäden ist für den medizinischen Laien nicht einschätzbar. Die Bewusstseinslage ist kein verlässlicher Gradmesser für eine Schockentwicklung bzw. das Schockstadium darstellt. Es ist daher immer notärztliche Hilfe anzufordern.