5   Szenisches Bewegen von Personen

Das szenische Bewegen von Personen (z. B. von Darstellerinnen und Darstellern) mit Arbeitsmitteln ist ein gefährlicher szenischer Vorgang und daher ausreichend zu proben (siehe DGUV Information 215-315). Endproben sind daher grundsätzlich unter den gleichen Bedingungen wie bei Aufführungen durchzuführen. Dies gilt insbesondere auch bei Umbesetzungen.
Künstlerische Forderungen bezüglich des szenischen Bewegens von Personen dürfen nicht realisiert werden, wenn die verantwortliche Bühnen- oder Studiofachkraft aus Sicherheitsgründen Einwände erhebt.
Es ist schriftlich festzuhalten, welche Person verantwortlich ist für
  • die sichere Einrichtung des Arbeitsmittels,
  • die Prüfung vor jeder Aufführung,
  • die Unterweisung der Beteiligten,
  • das Einhängen der fliegenden Personen,
  • die Bedienung des Arbeitsmittels,
  • die Überwachung der szenischen Bewegung sowie
  • die sachgemäße Aufbewahrung des Arbeitsmittels.
Aus der Aufbau- und Verwendungsanleitung und den sonstigen Informationen des Arbeitsmittels zum szenischen Bewegen von Personen, siehe Anhang 6, ist eine Betriebsanweisung mit den Prüfkriterien für Probe und Aufführung, siehe Anhang 7, zu erstellen. Die Betriebsanweisung muss auch die erforderlichen Maßnahmen (z. B. Notablass bei Energieausfall) für absehbare Betriebsstörungen beinhalten.
Alle am szenischen Bewegen beteiligten Personen sind auf Grundlage der Betriebsanweisung sowie abgestimmt auf die Aufführung und die Einsatzbedingungen über auftretende Gefahren, verbleibende Gefährdungen und die erforderlichen Schutzmaßnahmen vor jedem szenischen Bewegen von Personen wiederholt zu unterweisen. Dies ist zu dokumentieren.
Ist das Arbeitsmittel zum szenischen Bewegen von Personen zu Probe und Aufführung fertig montiert, veranlasst der für die Installation Verantwortliche, dass geprüft wird, ob sich das Arbeitsmittel in einem ordnungsgemäßen Zustand befindet.
Die Prüfung zu Probe und Aufführung ist von einer hierzu befähigten Person, z. B. der vor Ort verantwortlichen Bühnen- und Studiofachkraft, durchzuführen.

5.1   Auswahl der Personen

Die gesundheitliche Eignung der Personen, die mit einem Arbeitsmittel zum szenischen Bewegen von Personen bewegt werden sollen, ist fachkundig z. B. unter Mitwirkung einer geeigneten Ärztin bzw. eines geeigneten Arztes zu beurteilen. Da die ärztliche Beurteilung einer Eignung die Kenntnis der konkreten Einsatzbedingungen voraussetzt, ist hierzu idealerweise die zuständige Betriebsärztin bzw. der zuständige Betriebsarzt mit Gebietsbezeichnung „Arbeitsmedizin“ oder Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ mit der Festlegung von Kriterien, die eine Eignung einschränken, zu beauftragen. Hierbei sind die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit zu berücksichtigen (siehe DGUV Information 250-010 „Eignungsuntersuchungen in der betrieblichen Praxis“). Die Kriterien können vom Unternehmer bzw. der Unternehmerin für eine Befragung der zu fliegenden Person vor jedem Flugvorgang genutzt werden. Beispielsweise könnte eine Medikamenteneinnahme oder Vorerkrankung einer szenisch bewegten Person Einschränkungen bedeuten, die dann weiter fachkundig zu beurteilen sind. Bei Verwendung von Flugwerken ist zudem ein praktischer Hängetest mit den besonderen beim geplanten szenischen Vorgang auftretenden Körperhaltungen und -bewegungen (z. B. Kopf niedriger als der Rumpf, Saltos) durchzuführen.
Abb. 7 Manuell geführtes transportables Flugwerksystem

Manuell geführtes transportables
Flugwerksystem
© Fa. HOAC
Hinweis: Bei gefährlichen szenischen Vorgängen dürfen nur fachlich und körperlich geeignete Personen eingesetzt werden.
Bei einem gefährlichen szenischen Vorgang wird in der Regel das für allgemeine Arbeitsvorgänge tolerable Risiko überschritten. Darstellungen mit besonderen gesundheitlichen Risiken, z. B. Hängen über Kopf, erfordern eine besonders sorgfältige Auswahl und Begleitung der Personen unter Beteiligung der zuständigen Betriebsärztin bzw. des zuständigen Betriebsarztes. Unabhängig von der Feststellung der gesundheitlichen Eignung sollten die betreffenden Personen bei Bedarf je nach Gefährdung eine arbeitsmedizinische Beratung durch die Betriebsärztin bzw. den Betriebsarzt erhalten (als Angebots- oder Wunschvorsorge).
Personen, die erkennbar unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder anderen berauschenden Mitteln stehen, dürfen nicht mit einem Arbeitsmittel zum szenischen Bewegen von Personen bewegt werden.
Personen, die konkret vor der Aufführung Bedenken oder Beschwerden äußern oder bei denen aktuell der Anschein der Nichteignung besteht, dürfen für die Aufführung nicht eingesetzt werden. Auch bei einer vor Aufnahme einer szenischen Darstellung mit ärztlicher Unterstützung festgestellten gesundheitlichen Eignung (z. B. Befragung der szenisch bewegten Person) kann es dann unter Umständen sinnvoll sein, den Einsatz dieser Personen von dem erneuten Nachweis einer gesundheitlichen Eignung abhängig zu machen.

5.2   Anlegen des Gurtzeuges zum szenischen Bewegen

Das Anlegen des Gurtzeuges muss von hierzu beauftragten Personen begleitet werden.
Beispielsweise können unterwiesene Ankleider als beauftragte Personen das Gurtzeug an die zu fliegende Person anlegen. Aufgrund der ggf. vorhandenen Anspannung und Nervosität von Darstellerinnen und Darstellern sollte dieses von ihnen nicht selbst vorgenommen werden.
Weiter ist eine andere Person zu beauftragen, die den richtigen Sitz des Gurtzeuges prüft und die zu fliegende Person in das Flugwerk einhängt. Zum Beispiel können hierzu speziell unterwiesene Schnürmeister oder Meister für Veranstaltungstechnik beauftragt werden, siehe Anhang 7.
Wenn – z. B. aufgrund der Flugbewegungen oder der Gestaltung des Arbeitsmittels zum szenischen Bewegen von Personen – die Gefahr eines Absturzes besteht, ist die zu befördernde Person mit einem Auffanggurt nach DIN EN 361 bzw. Auffangsystem nach DIN EN 363 zu sichern. Ein Auffangsystem muss so zusammengestellt werden, dass verhindert wird, dass der Benutzer auf den Boden, eine bauliche Konstruktion oder ein Hindernis (z. B. Dekoration) aufprallt. Ein Auffangsystem muss energieabsorbierende Einzelteile oder Funktionen haben, damit sichergestellt ist, dass die Fangstoßkräfte, die beim Aufhalten eines freien Falls auf den Körper des Benutzers wirken, höchstens 6 kN betragen.

5.3   Bewegungsvorgang

Die Bewegungsrichtung des Arbeitsmittels zum szenischen Bewegen von Personen, z. B. das Flugwerk sowie die Bahn der daran befestigten Lasten, sind jeweils so auszulegen, dass eine Kollision mit festen und beweglichen Teilen von Dekorationselementen bzw. Aufbauten vorbeigleiten und ein Anprallen ausgeschlossen wird. Es dürfen keine Gefahrstellen, z. B. aufgrund von gefährlichen Oberflächen oder durch Quetsch- oder Scherstellen entstehen. Besonders zwischen einem bewegten Personenaufnahmemittel und Elementen der Umgebung (z. B. Bühnenbauteile, Bühnenbild) können diese leicht auftreten. Möglicherweise auftretende Luftströmungen, die die Flugbahn der Last beeinflussen könnten, sind gegebenenfalls zu berücksichtigen.
Die Beschleunigungen, Verzögerungen und Geschwindigkeiten sind den persönlichen Voraussetzungen der geflogenen Personen und den baulichen Bedingungen des szenischen Aufbaus und der baulichen Einrichtungen der Veranstaltungsstätte anzupassen. Die jeweils angemessene Geschwindigkeit der Bewegung des Flugwerkes mit der Person ist in der Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln. Gefährlich könnten insbesondere Pendelbewegungen sein, die bei der Beschleunigung und dem Abbremsen der Last entstehen können.
Es sind nur szenisch notwendige Gegenstände mitzuführen. Mitgeführte Gegenstände, die unbeabsichtigt herabfallen und dadurch eine Gefährdung erzeugen können, sind gegen Herabfallen zu sichern.
Für das „Starten“ und insbesondere für das „Landen“ sind Bereiche vorzusehen, an denen dies gefahrlos möglich ist.
Zwischen dem Bedienpersonal des Arbeitsmittels zum szenischen Bewegen von Personen und jeder bewegten Person muss bei allen Bewegungen Sichtverbindung oder eine vergleichbare unmittelbare Kommunikationsmöglichkeit (z. B. Kontrollposten, Kameraüberwachung) bestehen. Es sind praxistaugliche Zeichen, mit der szenisch bewegten Person für Notfälle zu vereinbaren (z. B. vor der Brust gekreuzte Arme) und zu proben.
Abb. 8 Szenisches Bewegen mit einem Raumanzug
 Szenisches Bewegen mit einem Raumanzug
© Kai Uwe Oesterhelweg
Besonderheiten bei der Benutzung von Handkonterzügen
Bei der Betätigung des Flugwerkes durch Muskelkraft muss (z. B. durch Auskontern der Last, Feststelleinrichtung, Selbsthemmung aus der Bewegung) gewährleistet werden, dass auch bei Verlust der Antriebs- oder Haltekraft gefährliche Zustände ausgeschlossen sind. Beim Auskontern ist die Konterlast so zu bemessen, dass sie geringfügig leichter ist als die tatsächlich angehängte Last. Dadurch wird bei Verlust der Antriebs- oder Haltekraft eine unkontrollierte Bewegung der darstellenden Person nach oben verhindert.
Manuell bewegte Arbeitsmittel, zum Beispiel Handkonterzüge, müssen mit einer Einrichtung zum Auskontern der Last und einer Feststelleinrichtung ausgerüstet sein. Das Prinzip der Selbsthemmung aus der Bewegung muss gewährleistet sein.

5.4   Proben

Die Benutzung des Arbeitsmittels zum szenischen Bewegen von Personen ist unter Anwendung der erforderlichen Schutzmaßnahmen ausführlich mit allen Beteiligten separat zu proben. Hierbei sind auch die ausgewählten Maßnahmen bei Not- und Gefahrenfällen auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen und zu üben.

5.5   Zusätzliche Maßnahmen für den Einsatz von Flugwerken

Flugwerke sind vor jedem Einsatz durch eine hierzu beauftragte Person mittels Sichtprüfung und Belastungserprobung zu prüfen, unabhängig davon, ob es sich um eine Probe oder Aufführung handelt.
Bei Belastungsproben mit Personen darf eine Sturzhöhe von 0,5 m nicht überschritten werden. Für den Nachweis des sicheren Aufbaus des gesamten Flugwerkes ist ein Probeflug über die gesamte geplante Flugbahn erforderlich.
Die ordnungsgemäße Verriegelung der Verbindungsmittel/-elemente muss unmittelbar vor jedem Flugvorgang durch eine dazu beauftragte Person geprüft werden.
Bestehen aufgrund des Prüfergebnisses Zweifel am sicheren Einsatz oder Weiterbetrieb des Flugwerkes oder Teilen davon, so muss das Flugwerk unverzüglich von der für die Prüfung beauftragten Person bzw. der Bühnen- und Studiofachkraft außer Betrieb genommen werden. Es darf erst dann wieder in Betrieb genommen werden, wenn die Mängel behoben sind und eine Nachprüfung mit positivem Prüfergebnis stattgefunden hat und der sichere Einsatz nachgewiesen ist.
Erst wenn sich die verantwortliche Bühnen- und Studiofachkraft vom ordnungsgemäßen Zustand des Flugwerkes überzeugt hat, darf es für Proben- oder Aufführungen genutzt werden.
Im Folgenden sollen wesentliche Bedingungen mit Prüfungen und Nachweisen für den betrieblichen Einsatz beispielhaft zusammengefasst werden:
Weitere Hinweise, siehe Anhang 1.