8.2   Informationsermittlung

8.2.1   Erfassung der verwendeten Stoffe und Gemische – Gefahrstoffverzeichnis (28) § 6 Abs. 12

Es muss ermittelt werden, ob es sich bei den verwendeten Stoffen um Gefahrstoffe handelt. Entsprechende Angaben enthalten die zugehörigen Sicherheitsdatenblätter.
Weitere Informationen zu Stoffen können Datenbanken, z. B. GESTIS der DGUV, WINGIS der BG BAU oder GisChem der BG RCI und BGHM, entnommen werden. Die verwendeten Stoffe sind in einem Gefahrstoffverzeichnis aufzuführen. (165) (168) (158)
An Angaben sollten im Gefahrstoffverzeichnis mindestens enthalten sein:
  • Bezeichnung der Gefahrstoffe,
  • Einstufung sowie Angabe der gefährlichen Eigenschaften,
  • Angaben zu den im Betrieb verwendeten Mengen,
  • Arbeitsbereiche, in denen Tätigkeiten mit den Gefahrstoffen ausgeführt werden,
  • Hinweis auf Sicherheitsdatenblätter.
Das Verzeichnis ist auf aktuellem Stand zu halten. Es ist allen betroffenen Beschäftigten zugänglich zu machen – ausgenommen davon sind die Angaben zu den verwendeten Mengen. Eine Möglichkeit zur Erstellung des Gefahrstoffverzeichnisses bietet, z. B. GisChem oder WINGIS.
Die Sicherheitsdatenblätter müssen den Beschäftigten zugänglich sein.

8.2.2   Substitutionsprüfung (28) (44)

Bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen hat der Unternehmer und die Unternehmerin zu prüfen, ob durch Substitution oder Änderung des Verwendungsverfahrens Gefährdungen vermieden oder zumindest vermindert werden können.
Ein Beispiel hierfür ist die Wahl des Systems beim Auftragen von Lack/Klebstoffsystemen. Hierbei ist die Größe der Aerosolteilchen ausschlaggebend. Je größer die Aerosolteilchen sind, desto geringer ist deren Potenzial zum Eindringen in die tiefen Atemwege.
Das Airless-Verfahren stellt hierbei die beste Methode dar, gefolgt vom Airmix-Verfahren, vom HVLP-Verfahren und als ungünstigste Methode dem Druckluft-Verfahren.
Der Verzicht auf eine mögliche Substitution ist in der Dokumentation zu begründen. Weitere Hinweise können den Technischen Regeln für Gefahrstoffe TRGS 430 „Isocyanate – Gefährdungsbeurteilung und Schutzmaßnahmen“ und TRGS 600 „Substitution“ entnommen werden. Informationen zum Vorgehen bei einer Substitution von Gefahrstoffen enthält auch die DGUV Information 213-080 „Arbeitsschutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen“ (Merkblatt M 053 der BG RCI). (37) (44) (100)

8.2.3   Inhalative und dermale Gefährdung

Die Gefährdung durch toxische Eigenschaften wird bestimmt durch
  • die toxischen Eigenschaften der eingesetzten Isocyanate und Hilfsstoffe,
  • die verwendete Menge und
  • die Art der Verarbeitung.
Die Gefährdungen sind getrennt für Atemwege und Haut zu ermitteln und in der Dokumentation zusammenzuführen.

8.2.3.1   Inhalative Gefährdung (33) (37)

Die Einstufung, die Verarbeitungsmenge und Konzentration im Gemisch, der temperaturabhängige Dampfdruck sowie die Möglichkeit der Aerosolbildung bestimmen den Grad der Gefährdung für die Atemwege.
Der Grad der Penetration von Isocyanat-Aerosolteilchen in die Luftwege und Alveolen ist abhängig von der Größe der Aerosolteilchen. Je größer diese sind, desto geringer ist deren Potenzial zum Eindringen in die tiefen Atemwege.
Es sind je nach Verfahren zu unterscheiden:
  • gasförmige Emissionen bei Raumtemperatur,
  • gasförmige Emissionen bei erhöhter Temperatur (entweder durch Reaktionswärme oder benötigte Reaktionstemperatur) (80–250 °C),
  • Verfahren mit der Bildung von Aerosolen (Sprühverfahren oder Rekondensation).
Es wird unterschieden zwischen geringer, mittlerer und hoher Gefährdung.
Eine geringe Gefährdung ist beispielsweise anzunehmen bei der Verwendung von polymeren Isocyanaten oder Isocyanaten mit einem sehr niedrigen Dampfdruck, wie MDI bei Raumtemperatur. Voraussetzung für die Annahme einer geringen Exposition ist der Ausschluss der Bildung von Aerosolen (fest und flüssig). Für höhere Verarbeitungstemperaturen entwickelte monomerreduzierte polymere Isocyanate, z. B. emissionsarme Schmelzklebstoffe, führen zu vernachlässigbaren Expositionen.
Werden die Tätigkeiten in Behältern oder engen Räumen ausgeführt, kann nicht mehr von einer geringen Gefährdung ausgegangen werden. Hierfür ist dann eine mittlere Gefährdung anzunehmen.
Eine mittlere Gefährdung kann bei Tätigkeiten mit Isocyanaten vorliegen, die hinsichtlich ihrer akut toxischen Eigenschaften in die Kategorie 4 eingestuft sind. Hierzu zählen beispielsweise MDI, NDI und p-MDI. Auch Anwendungen mit polymeren Isocyanaten, bei denen Aerosole auftreten können (z. B. Spritzapplikation, Folienkaschierung), sind dem Bereich der mittleren Gefährdung zuzuordnen.
Eine hohe Gefährdung ist für Tätigkeiten mit Isocyanaten, die hinsichtlich ihrer akut toxischen Eigenschaften in die Kategorien 1, 2 und 3 eingestuft sind, anzunehmen. Dies sind z. B. Tätigkeiten mit TDI, HDI, IPDI sowie auch Tätigkeiten aus dem Bereich der mittleren Gefährdung, bei denen jedoch infolge einer Aerosolbildung oder Erwärmung hohe Konzentrationen an Isocyanaten in die Atemluft gelangen.

8.2.3.2   Dermale Gefährdung (32) (37)

Bezüglich der Hautgefährdung sind sämtliche Tätigkeiten zu berücksichtigen, bei denen ein direkter Hautkontakt mit isocyanathaltigen Gemischen, Zwischen- oder noch nicht ausreagierten Endprodukten besteht. Beispiele für den Hautkontakt sind das Öffnen von Verpackungen, das Herstellen von Gemischen (2-Komponentensysteme), das Handhaben noch nicht vollständig ausreagierter Produkte oder das Nachbearbeiten (z. B. Schneiden, Schleifen) von Erzeugnissen. Es ist zu beachten, dass bei Verwendung von Lösemitteln die Hautresorption der Isocyanate deutlich erhöht werden kann.
Eine geringe Hautgefährdung kann für die mechanische Bearbeitung von weitgehend ausreagierten Produkten angenommen werden.
Eine mittlere Hautgefährdung ist für den Hautkontakt mit Isocyanaten bzw. PU-Produkten unmittelbar bei und kurz nach der Herstellung anzunehmen.
Bei einem wiederholten oder lang andauernden Hautkontakt muss von einer hohen Hautgefährdung ausgegangen werden (siehe TRGS 401 „Gefährdung durch Hautkontakt – Ermittlung, Beurteilung, Maßnahmen“). (32)
Auch ein Hautkontakt kann prinzipiell eine Atemwegssensibilisierung auslösen.
Bei der Herstellung von PU-Schäumen mit Wasser als Treibmittel können sich die entsprechenden Diamine der eingesetzten Diisocyanate bilden [4,4'-Methylendianilin (MDA) oder 2,4-Toluylendiamin (TDA)]. Der europäische Verband der Blockweichschaumhersteller (EUROPUR) hat für die Vergabe des „CertiPUR-Siegels“ eine Obergrenze von 5 ppm Diamin im Weichschaum festgelegt. Die sehr schwer flüchtigen Amine MDA und TDA treten nur in frisch mit Wasser als Treibmittel hergestellten Schaumstoffen und dann auch nur in sehr geringen Mengen auf, sodass eine Gefährdung über die Atemluft nicht anzunehmen ist. Da MDA und TDA jedoch über die Haut aufgenommen werden können, müssen bei manuellen Tätigkeiten mit frischen Weichschaumstoffen geeignete Schutzhandschuhe getragen werden. Die betroffenen Beschäftigten sind in das Expositionsverzeichnis aufzunehmen (siehe Abschnitt 8.5). (179)

8.2.4   Physikalisch-chemische Wirkungen

Für die Bewertung der physikalisch-chemischen Wirkungen, z. B. Brände und Explosionen sowie durchgehende Reaktionen und Druckaufbau, ist die Kenntnis der physikalisch-chemischen Kenngrößen erforderlich. Relevante Kenngrößen sind z. B. den Sicherheitsdatenblättern zu entnehmen.
Es ist zu prüfen, ob die Bildung einer gefährlichen explosionsfähigen Atmosphäre möglich ist. Explosionsfähige Atmosphäre kann durch unterschiedliche Arten von Zündquellen, z. B. mechanisch erzeugte Funken, heiße Oberflächen, elektrostatische Entladungsvorgänge, offene Flammen usw., entzündet werden.
Weiterführende Informationen hierzu enthalten z. B. die TRGS 721 „Gefährliche explosionsfähige Atmosphäre – Beurteilung der Explosionsgefahren“ sowie die DGUV Regel 113-001 „Explosionsschutz-Regeln (EX-RL)“. (46) (131)
Bei der Durchführung der Polymerisationsreaktionen in Reaktionskesseln oder geschlossenen Behältern ist zu prüfen, ob die Reaktionswärme und die gebildeten Gase sicher abgeleitet werden können und es nicht zu einem unzulässigen Wärme- oder Druckstau kommen kann.