6.1   Isocyanate

Die hier beschriebenen Gesundheitsgefahren beziehen sich auf Diisocyanate als Reinstoffe, gelöst, als höhermolekulare Polyisocyanate oder als Gemische.
Die in Betracht kommenden monomeren Diisocyanate unterscheiden sich in ihren akut-toxischen Eigenschaften. Dementsprechend sind sie in die Gefahrenkategorien der akuten Toxizität 1, 2, 3 oder 4 eingestuft. Sie sind ferner meist als augen- und hautreizend Kategorie 1 und 2 sowie haut- und atemwegssensibilisierend Kategorie 1 eingestuft.
Es gibt einige aliphatische Polyisocyanate, die nicht als atemwegssensibilisierend eingestuft sind.
MDI und TDI stehen im Verdacht krebserzeugend zu sein (eingestuft als „karzinogen Kategorie 2“). Zur vollständigen Einstufung bestimmter Isocyanate siehe Tabellen im Anhang 1.
Durch Isocyanate sensibilisierte Personen dürfen nicht gegenüber Isocyanaten und isocyanathaltigen Gemischen exponiert werden.
Personen, die gegenüber anderen Allergenen sensibilisiert sind, sind gefährdet, leichter eine Sensibilisierung gegen Isocyanate zu entwickeln.

6.1.1   Aufnahme und Wirkungsweise

Eine Aufnahme in den Körper ist überwiegend durch Einatmen als Dampf oder Aerosol (fest oder flüssig), in geringeren Mengen auch über die Haut oder den Magen-Darm-Trakt möglich.
Isocyanate wirken auf Haut und Schleimhäute, Augen und Atemwege.

6.1.2   Akute Gesundheitsgefahren

Bei Grenzwertüberschreitung besteht die Gefahr einer konzentrationsabhängigen Reizwirkung auf Augen, Nase, Rachen und Luftwege, die bei leichter Exposition reversibel ist.
In besonderen Fällen, z. B. der störungsbedingten Freisetzung größerer Mengen Isocyanate, können sogar lebensbedrohliche Lungenfunktionsstörungen auftreten.
Verzögertes Auftreten der Beschwerden und Entwicklung einer Überempfindlichkeit sind möglich. Bei überempfindlichen bzw. sensibilisierten Personen können Reaktionen vom Hustenreiz bis hin zu ausgeprägten Asthmaanfällen schon bei sehr geringen Isocyanatkonzentrationen ausgelöst werden, auch unterhalb des Arbeitsplatzgrenzwertes (AGW). Bei (intensiver) Exposition kann es zu einem zunehmenden Reizzustand auch der unteren Atemwege, zu Bronchitis und zum lebensbedrohlichen Lungenödem kommen. Bei (intensivem) Hautkontakt sind Reizzustände der Haut oder in seltenen Fällen Sensibilisierungen (Kontaktekzem) möglich.
Isocyanathaltige Spritzer können Hornhautschäden am Auge verursachen.
Bei 2,4-TDI liegt die geruchliche Wahrnehmungsschwelle im Bereich von 20 bis 50 ppb, also deutlich über dem AGW von 5 ppb.

6.1.3   Chronische Gesundheitsgefahren

In Hinblick auf die chronischen Gesundheitsgefahren steht die Gefahr der Atemwegssensibilisierung gegenüber Isocyanaten im Vordergrund.
Nach Exposition mit ein- oder mehrmaliger Grenzwertüberschreitung, auch kurzzeitig, kann es zu einer Sensibilisierung kommen. Danach kann auch bei sehr niedrigen Isocyanat-Konzentrationen Reizhusten, Brustbeklemmung, Atemnot, eine Alveolitis oder Asthma auftreten. Anhaltendes wiederholtes Einatmen erhöhter Konzentrationen von Isocyanaten kann zur chronischen Bronchitis, zur Einschränkung der Lungenfunktion oder zu asthmatischen Beschwerdebildern führen. Ein allergisches Kontaktekzem ist selten. Nach stärkerer Exposition ist, in Abhängigkeit von den Beschwerden und der Krankheitsdauer, eine vorübergehende Meidung jeglicher Exposition über einen Zeitraum von etwa drei Monaten anzuraten, um einer eventuellen Sensibilisierung vorzubeugen. Beim Verdacht auf das Vorliegen einer Sensibilisierung oder bei Überempfindlichkeit ist die sofortige, dauernde Vermeidung jeglicher Exposition gegenüber Isocyanaten notwendig.
TDI und MDI sind gemäß Verordnung (EG) 1272/2008 als krebserzeugend der Kategorie 2 eingestuft (H351: Kann vermutlich Krebs erzeugen). (2)
Die Einstufung von MDI basiert auf Tierversuchen, in denen Ratten über lange Zeiträume sehr hohen Konzentrationen – 100-fach über dem Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) – an synthetisch hergestellten Aerosolen ausgesetzt waren. Derart hohe Isocyanat-Aerosolkonzentrationen treten in der Praxis unter Berücksichtigung der einschlägigen Schutzmaßnahmen nicht auf.