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Trauma – Psyche – Job

Ein Leitfaden für Aufsichtspersonen

DGUV Information 206-018
Juli 2015

1   Traumatische Ereignisse bei der Arbeit
Ein Handlungsfeld für die Aufsichtsperson?!

Traumatische Ereignisse – das sind verstörende Ausnahmen von den normalen Geschehnissen des Alltags. Sie passieren selten, sind aber hoch belastend und folgenschwer. Wir denken nicht gern daran, dass schwere Unfälle, Gewalttaten, Angst und Entsetzen in unser Leben und gar in unsere betrieblichen Abläufe einbrechen können. Aber noch schlimmer ist es, im Ernstfall unvorbereitet, hilflos und planlos dazustehen.
In vielen Unternehmen kommen die im Folgenden beschriebenen Arbeitsunfälle selten oder nie vor. In manchen treten sie häufiger auf. Unabhängig von der Häufigkeit aber können sie seelische Verletzungen mit schweren und langwierigen Folgen hinterlassen. Ziel dieses Leitfadens ist es, Sie fit zu machen für eine erste orientierende Beratung des Unternehmers.
Sicher: Sie sind kein Psychologe. Sie sind aber auch kein Chemiker, Maschinenbauer, Biologe etc. in einer Person und beraten Ihre Unternehmen trotzdem zu Gefährdungen aus all diesen Bereichen.
Und sicher: Es handelt sich um seltene Ereignisse. Wenn sie jedoch eintreten, bedeuten sie für den Betroffenen eine extreme Belastung und für das Unternehmen erheblichen wirtschaftlichen Schaden.
Bitte schauen Sie sich die Beispiele kurz an.
Fragezeichen
Was, wenn ein solches oder ähnliches Ereignis in Ihrem Aufsichtsbereich passiert?
Fragezeichen
Was, wenn die Gefährdungsbeurteilung darauf hinweist, dass es auftreten könnte?
Fragezeichen
Sind Sie darauf vorbereitet?
Fragezeichen
Können Sie dem Unternehmen geeignete Maßnahmen empfehlen?
Beispiel 1
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Beim Einrichten einer Autobahnbaustelle muss ein Mitarbeiter mit ansehen, wie sein Kollege von einem LKW erfasst und überrollt wird.
Anführungszeichen Als der Kollege vom LKW erfasst wurde, war ich wie gelähmt, schockiert. Ich kann mich gar nicht mehr richtig erinnern, ich bin dann hingelaufen, er lebte und irgendwann kam dann endlich Hilfe. Auch um mich hatte sich dann jemand gekümmert. Es hatte meinen engsten Kollegen getroffen. Ich werde dieses Erlebnis einfach nicht los! Immer wieder läuft es wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.“
Beispiel 2
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Die Kassiererin in einer Tankstelle wird mit vorgehaltener Waffe zur Herausgabe von Bargeld gezwungen.
Anführungszeichen Seit dem Überfall war ich noch nicht wieder arbeiten, bin schon einige Wochen krankgeschrieben. Jedes Mal, wenn eine automatische Tür aufgeht, erschrecke ich und bekomme Herzrasen und die Luft bleibt mir weg. Dann habe ich furchtbare Angst, alles könnte schon wieder passieren. Mein Mann sagt zwar, der Überfall sei vorbei, aber ich hatte solche Todesangst, das möchte ich nie wieder erleben.“
Beispiel 3:
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In der Straßenbahn wird ein Fahrausweisprüfer auf das Übelste beschimpft, bespuckt und schließlich geschlagen.
Anführungszeichen Nicht nur in der Bahn beim Kontrollieren war ich vorsichtig und sehr misstrauisch, ich hatte das Gefühl, jeder will mir wieder an den Kragen. Dabei hat mir der Job doch früher Spaß gemacht, ich war gern unter Leuten. Ich konnte nachts kaum noch schlafen und hatte schon Angst, wieder arbeitslos zu werden.
Mein Arbeitgeber hat mich dann auf ein Seminar geschickt. Da habe ich viel über Kommunikation und Deeskalation gelernt. Brenzlige Situationen kommen immer wieder mal vor, aber ich kann besser damit umgehen und die Arbeit läuft wieder.“
Beispiel 4:
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Ein erfahrener nautischer Offizier muss trotz Notfallmaßnahmen und Ausweichmanöver miterleben, dass es zu einer Kollision mit einem anderen Schiff kommt.
Anführungszeichen Ich hatte Wache. Das andere Schiff hatte seinen Kurs einfach beibehalten, die reagierten gar nicht auf Funk und Signalraketen, und in dem engen Fahrwasser konnte ich mit unserem großen Schiff nicht ausweichen. Ich konnte nichts machen! Den riesigen Schlag, als er uns rammte und den Backbordtank aufriss, höre ich immer wieder, und ich rieche den sauren Schwerölgestank, wenn ich die Augen zumache. Ich geh‘ nie wieder an Bord, allein bei dem Gedanken bekomme ich schon schweißnasse Hände. Ich weiß gar nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Vorübergehend hatte die Reederei einen Job in der Inspektion, aber man will mich wieder auf einem Schiff einsetzen. Für mich steht fest: Ich fahre nie wieder zur See!“
Beispiel 5:
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Ein Ingenieur schaltet eine Maschine ohne wieder angebrachte Sicherheitseinrichtungen nach erfolgter Reparatur zum Probelauf ein. Ein Kollege wird eingezogen und verliert beide Arme.
Anführungszeichen Ich gehe zwar wieder zur Arbeit, aber irgendwie ist alles anders. Ich funktioniere nur noch und mache das Nötigste, auch Fehler. Ich kann auch kein Maschinenöl mehr riechen. Mein Chef hat mich schon angezählt, hoffentlich verliere ich nicht die Arbeit. Ich fühle mich innerlich leer, wie tot und kann mich für nichts mehr interessieren. Äußerlich lasse ich mir nichts anmerken. Ich weiß gar nicht, was los ist mit mir. Ob das mit dem Unfall zu tun hat?“
Beispiel 6:
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Zwei Mitarbeiter werden vor den Augen ihrer Kollegen von herabfallenden Gerüstteilen erschlagen.
Anführungszeichen Als ich die Gerüstteile fallen sah, dachte ich noch: „Oh Mann, dass die man bloß keinen treffen“. Und dann das. Die Kollegen lagen plötzlich einfach da – dabei hatten wir doch grade noch `nen Kaffee zusammen getrunken. Wir anderen waren geschockt, und ich bin erst seit kurzem wieder auf Arbeit. Aber das vergisst Du nicht. Immer wenn was quietscht oder kracht, bin ich voll aufgedreht und sehe nach, ob was passiert ist. Ich weiß nicht, ob ich das auf Dauer aushalte.“
Beispiel 7:
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Ein Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr nimmt während des Einsatzes eine verbrannte Puppe in einem Zimmer wahr. Dann wird ihm klar, dass es sich um ein Kind handelt.
Anführungszeichen Es war alles so vertraut, wie immer bei einem Einsatz. Alarm, zur Wache fahren, umziehen und los. Alles ging wie immer und dann – ich kann den Schock einfach nicht vergessen. Ich habe selbst ein kleines Kind. Da kommt das immer wieder hoch. Ich habe versucht, wieder mit den Kameraden rauszufahren, weil es bei der Übung gut geklappt hat. Aber beim ersten echten Einsatz ging gar nichts mehr. Schon als der Pieper losging, war ich nervös. Ich habe es noch bis zur Wache geschafft, aber der Wehrleiter hat mich sofort wieder nach Hause geschickt. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder zu einem Einsatz fahren kann.“
Beispiel 8:
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Die Mitarbeiterin im Sozialamt erhält aufgrund einer Kürzung des Wohngeldes eine massive Morddrohung.
Anführungszeichen Es war kurz vor Feierabend und ich dachte noch: „War eigentlich ein guter Tag heute.“ Dann klingelte das Telefon. Noch bevor ich was sagen konnte, brüllte die Stimme „Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich weiß, wo du wohnst. Ich bring dich um – verlass dich drauf!“ Ich war völlig am Ende. Im Amt war auf unserem Flur außer mir keiner mehr. Ich hatte solche Angst. Seitdem bin ich krankgeschrieben. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, krieg' ich einen riesigen Schreck. Das wünsche ich keinem, ich bin einfach nur verzweifelt. Zum Glück habe ich noch meine Familie, aber das ist für alle eine riesige Last.“
Fragezeichen
Sie finden sich bei den Beispielen nicht wieder?
Haken
Mit Hilfe der Risiko-Matrix (siehe Anlage 1) können Sie abschätzen, ob in Ihrem Unternehmen Handlungsbedarf besteht.

2   Argumentationshilfen für die Beratung

Möglicherweise stoßen Sie im Unternehmen auf Vorbehalte, weil das Thema als exotisch und „weit weg“ empfunden wird oder tabuisiert ist. Deshalb finden Sie im Folgenden eine Zusammenstellung von Vorbehalten und geeigneten Argumentationen.
Vorbehalt
Antwort
Ausrufezeichen
Wir haben wahrlich andere Sorgen.
Haken
Das glaube ich Ihnen gern. Aber: Wenn Sie unvorbereitet in ein solches Ereignis geraten, bekommen Sie noch mehr Sorgen.
Ausrufezeichen
Früher sind die Leute auch ohne Hilfe zurechtgekommen.
Haken
Ja, das mag in Einzelfällen so gewesen sein. Sie kommen mit Hilfe aber nachweislich besser zurecht. Und das ist gut für den Betrieb wie auch für den Betroffenen.
Ausrufezeichen
Unsere Mitarbeiter werden damit schon fertig.
Haken
Nach außen hin mag das so aussehen. Aber es gibt leider auch die weniger offensichtlichen Auswirkungen, z. B. Fehlzeiten, Leistungseinbußen, Konzentrationsprobleme, zwischenmenschliche Probleme, Suchtgefährdung …
Ausrufezeichen
Malen Sie mal den Teufel nicht an die Wand.
Haken
Keiner denkt gerne an solche Ereignisse. Aber wenn wir davor die Augen verschließen, können wir ihnen auch nichts entgegensetzen.
Ausrufezeichen
Wir haben keine Zeit dafür.
Haken
Ein hoher Zeitaufwand ist auch gar nicht notwendig. Und ich unterstütze Sie gern.
Ausrufezeichen
Bei uns passiert so was nicht.
Haken
Das wünsche ich Ihnen sehr, aber leider ist es nicht ausgeschlossen.
Ausrufezeichen
…das kostet doch bloß wieder…
Haken
Welche Kosten meinen Sie? Die Kosten für den langen Arbeitsausfall des betroffenen Mitarbeiters oder andere betriebliche Folgekosten?
Ausrufezeichen
Wenn es kommt, kommt es sowieso anders, als man denkt.
Haken
Richtig, man wird von solch einem Ereignis immer überrascht. Gerade deshalb ist es so wichtig, dann schon einen Plan B in der Schublade zu haben und vorbereitet zu sein.
Ausrufezeichen
Wir sind ein Betrieb und kein Erholungsheim!
Haken
Das ist richtig. Deshalb sollten wir auch gemeinsam schauen, wie er auch nach solchen Ereignissen gesund am Laufen bleibt.
Ausrufezeichen
Wo steht denn, dass der Betrieb sich darum kümmern muss?
Haken
Rechtliche Grundlage ist das Arbeitsschutzgesetz. Danach hat der Unternehmer die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, mit denen Gefährdungen der Mitarbeiter vermieden oder möglichst gering gehalten werden.

3   Traumatische Ereignisse und deren Folgen

3.1   Ereignis und Verlauf

Ein traumatisches Ereignis wird charakterisiert als ein Ereignis oder eine Situation mit einer außergewöhnlichen Bedrohung oder einem katastrophenartigen Ausmaß.
Auf der Einwirkungsseite für die betroffene(n) Person(en) steht
  • die Konfrontation mit Ereignissen, die den tatsächlichen oder drohenden Tod, ernsthafte Verletzung oder sonstige Gefahr für die Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhalten.
Auf der Auswirkungsseite steht
  • das Erleben von starker Angst, Bedrohtsein, Hilflosigkeit, Entsetzen.
Während und unmittelbar nach einem plötzlichen und unerwarteten traumatischen Ereignis erleben sich Betroffene in der Schockphase wie betäubt, desorientiert und haben ein Gefühl der emotionalen Taubheit. Zunächst können sich fehlende emotionale Reaktionsfähigkeit sowie Wahrnehmungs- und Bewusstseinsverengung zeigen.
Körperliche Reaktionen, vor allem durch Ausschüttung von Stresshormonen, können zu erhöhter Pulsfrequenz sowie schnellerer und flacherer Atmung führen. Es kann zu Schweißausbrüchen, Muskelspannungen, Muskelzittern, Schwindelanfällen und Übelkeit kommen.
Manche Betroffene können äußerlich ruhig und gefasst wirken.
Diese direkten und unmittelbaren körperlichen und psychischen Schockreaktionen klingen bei vielen der Betroffenen nach einiger Zeit wieder ab.
In der Einwirkphase ist es für die weitere Verarbeitung des traumatischen Ereignisses wichtig, die körperliche und emotionale Belastungsreaktion als eine normale und verständliche Überforderungsreaktion zu verstehen. Soziale Unterstützung, wie ein offenes Gespräch mit vertrauten Personen, ist wichtig und wirkt entlastend.
Die weitere Verarbeitung ist auch davon abhängig, wie Betroffene auf traumatische Ereignisse vorbereitet wurden und welche Möglichkeiten zur Einordnung und Bewältigung bei der betroffenen Person vorhanden sind bzw. welche ihr angeboten werden.
Sich bewusst zu werden, eine Extremsituation überstanden zu haben und sich daran zu erinnern, was eventuell zu deren Bewältigung beigetragen hat, ist ein wichtiger Aspekt in der Neuorientierung. In der konstruktiven Verarbeitung wird das traumatisch Erlebte ohne Selbstzweifel und Selbstvorwürfe akzeptiert. Die Erinnerung daran ist nicht mehr emotional belastend und tritt auch nicht mehr unkontrolliert auf. Das Erregungsniveau hat sich normalisiert und insgesamt ist die subjektiv empfundene Belastungsintensität abgeklungen.

3.2   Folgen

Werden länger anhaltende und über die akute Schock- und Belastungsreaktion hinaus bestehende Symptome und Beschwerden nicht wahrgenommen, kann dies für Betroffene und den Betrieb schwerwiegende Folgen haben, z. B.:
  • lange Ausfallzeiten,
  • lange Behandlungszeiten,
  • Schwierigkeiten bei der Wiederaufnahme der Tätigkeit,
  • Vermeidungsverhalten gegenüber bestimmten (Teil-)Tätigkeiten,
  • Berufswechsel,
  • Berufs-, Tätigkeitsaufgabe, Berufsunfähigkeit,
  • Rückzugsverhalten gegenüber Kolleginnen und Kollegen sowie im privaten Umfeld,
  • Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Suchtgefährdung).
Daher sollten Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte nach einem traumatischen Ereignis der oder dem Betroffenen gegenüber aufmerksam sein und ggf. Unterstützung anbieten.
Die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt kann in einem ärztlichen Gespräch unterstützen und vermitteln.
Abb. 1 Mögliche Verarbeitungsverläufe nach einem traumatischen Ereignis (in Anlehnung an LUCAS, 2001)
Darstellung der möglichen Verarbeitungsverläufe nach einem traumatischen Ereignis (in Anlehnung an LUCAS, 2001)

4   Praktisches Vorgehen

Sie als Aufsichtsperson können sowohl auf Anfrage des Betriebes als auch in Eigeninitiative eine Beratung zur Prävention und Vermeidung von chronischen Störungen nach traumatischen Ereignissen (z. B. Depression, Posttraumatische Belastungsstörung) durchführen.
Folgende wesentliche Punkte sollten Ihnen dabei als Handlungshilfe dienen:
  • Sensibilisierung und Vermittlung von Informationen,
  • Hilfe bei der Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung,
  • Unterstützung bei der Ausarbeitung eines betriebsspezifischen Konzepts,
  • Dokumentation Ihrer Aktivitäten.

4.1   Sensibilisierung und Vermittlung von Informationen

Achten Sie darauf, dass bei einer Beratung im Unternehmen alle betroffenen Arbeitsschutzakteure hinzugezogen werden. Dies sind insbesondere die Unternehmensleitung, die Führungskräfte der betreffenden Bereiche, die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt, die Arbeitnehmervertretung, die Fachkraft für Arbeitssicherheit.
Bei Ihrer Beratung können Sie folgendermaßen argumentieren:
  • Je besser ein Betrieb und seine Beschäftigten über unvorhergesehene schwere Ereignisse informiert sind, umso konkreter können Präventionsmaßnahmen, Hilfe und Unterstützung wirken, um möglichst unbeschadet mit einem solchen Ereignis umgehen zu können.
  • Durch Information und die Organisation betrieblicher Strukturen können materieller Schaden und Ausfallzeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erspart bleiben. Bei den Beschäftigten kann psychischem Leid und der Gefahr einer Chronifizierung vorgebeugt werden.
  • Werden besondere psychische Folgen (z. B. Posttraumatische Belastungsstörung, Entwicklung von Suchterkrankung) nicht beachtet, kann dies bei den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sogar zur Berufsunfähigkeit führen.
  • Psychische Gesundheitsstörungen nach Belastungen am Arbeitsplatz und nach Arbeitsunfällen sind in den letzten Jahren mehr und mehr in das Blickfeld der Unfallversicherungsträger gerückt. Die Unfallversicherungsträger verfügen über erprobte Instrumente und Verfahren, um die Unternehmen und deren Beschäftigte zu unterstützen.
Übergeben Sie bei Ihrer Beratung entsprechendes Informationsmaterial oder vermitteln Sie, wo Informationen abrufbar sind (z. B. Flyer Ihres UVTs, Erfahrungsberichte, Statistiken und andere Veröffentlichungen. Eine Mediensammlung zum Thema finden Sie unter folgendem Link: www.dguv.de, Webcode: d139911, Rubrik: Download).

4.2   Hilfe bei der Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung

Vermitteln Sie Informationen über die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich der Ermittlung von Gefährdungen durch traumatische Ereignisse.
Die Risiko-Matrix (siehe Anlage 1) bietet die Möglichkeit, eine grobe Einschätzung zur Gefahrensituation durch traumatische Ereignisse im Unternehmen zu geben. Der Einsatz der Risiko- Matrix ersetzt jedoch in keinem Fall die Gefährdungsbeurteilung.
 
Ein gutes Beispiel für die zielgerichtete Gefährdungsbeurteilung zur Thematik ist die „Prüfliste Psychotrauma“ der Unfallversicherung Bund und Bahn, die Sie in Anlage 2 finden.
Die Liste enthält 17 Fragen in den 4 Kategorien:
  • Gefährdende Tätigkeiten, Arbeitsbereiche, Arbeitssituationen
  • Organisatorische Rahmenbedingungen zum Umgang mit traumatischen Ereignissen
  • Prävention
  • Betreuung nach einem Ereignis
Leitet sich aus der Gefährdungsbeurteilung kein Handlungsbedarf ab, so brauchen keine weiteren Maßnahmen getroffen zu werden.
In jedem Falle sollte der Unternehmer aber, wie in § 6 Abs. 1 Arbeitsschutzgesetz gefordert, das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung entsprechend dokumentieren.
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4.3   Unterstützung bei der Ausarbeitung eines betriebsspezifischen Konzeptes

 
Können Ereignisse und Unfälle bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einer seelischen Verletzung führen, dann brauchen diese Unternehmen ein betriebsspezifisch ausgerichtetes Betreuungskonzept. Das Ziel dieses Konzeptes muss es sein, die psychischen Folgen eines traumatischen Ereignisses so gering wie möglich zu halten und einer Chronifizierung vorzubeugen.
Schnelle und professionelle Hilfe am Unfallort und intensive Zuwendung zu Betroffenen sind dabei ebenso wichtig wie die Steuerung der weiteren Behandlung und die Nachsorge im Unternehmen bis hin zur Wiederaufnahme der Tätigkeit.
Bei der Beratung der Mitgliedsunternehmen sollten Sie die folgenden Punkte ansprechen bzw. berücksichtigen:
  • Organisation im Unternehmen
  • Notfallplan – Rettungskette
  • Erstbetreuung
  • Folgebetreuung
  • Betriebliche Maßnahmen zur Wiedereingliederung
  • Information der Mitarbeiter
Beispiele für Konzepte finden Sie in den Anlagen 3–7.

4.3.1   Organisation im Unternehmen

 
Eine optimale Betreuung der Betroffenen nach traumatischen Ereignissen erfordert ein betriebsspezifisch festgelegtes Vorgehen. Dabei sind die handelnden Personen, das Vorgehen nach einem Ereignis sowie die im Bedarfsfall erforderlichen weitergehenden ärztlichen oder psychologischen Betreuungsmaßnahmen in die betriebliche Organisation einzubeziehen.
Beraten Sie die Unternehmerin oder den Unternehmer dahingehend, dass das betriebliche Betreuungskonzept mit dem Betriebs- oder Personalrat abgestimmt werden muss. In der Praxis hat es sich bewährt, eine Betriebsvereinbarung über die Betreuung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach traumatischen Ereignissen abzuschließen. In jedem Fall sollte das Konzept aber in schriftlicher Form vorliegen.
Inhalte des Konzeptes sind:
  • die innerbetriebliche Organisation,
  • die Festlegung von Verantwortlichkeiten, insbesondere der Koordinatorin oder des Koordinators („Kümmerer“),
  • der Einsatz von Erstbetreuerinnen oder Erstbetreuern am Ereignisort,
  • Vereinbarungen mit dem Unfallversicherungsträger (z. B. Kostenübernahme) und anderen Institutionen (z. B. Hilfsorganisationen),
  • Maßnahmen bei Rückkehr der Betroffenen an den Arbeitsplatz,
  • Festlegungen zur Tauglichkeit, insbesondere der Fahrdiensttauglichkeit bei Fahrpersonalen,
  • innerbetriebliche und externe Meldewege.
Ein wichtiges Element des Betreuungskonzeptes ist die Koordinierung der Abläufe im Unternehmen. Weisen Sie darauf hin, dass ein abgestimmtes Vorgehen notwendig ist, um die Folgen eines traumatischen Ereignisses sowohl für die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter als auch für das Unternehmen so gering wie möglich zu halten. Je nach Unternehmensgröße und -struktur kann die Koordination durch den Arbeitsmedizinischen Dienst, die Sozialberatung, die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder betriebliche Führungskräfte übernommen werden. Bei der Auswahl sollte sichergestellt werden, dass der „Kümmerer“ mit den Abläufen im Unternehmen vertraut und im Unternehmen präsent ist. In größeren Unternehmen mit eigener Betriebsärztin oder eigenem Betriebsarzt hat es sich bewährt, diesen als „Kümmerer“ einzusetzen.
Die Aufgaben des „Kümmerers“ liegen insbesondere darin:
  • alle Informationen zusammenzuführen,
  • einen Überblick über das Verfahren zu haben,
  • Kontakt zum Unfallversicherungsträger aufzunehmen,
  • das Verfahren mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abzustimmen,
  • das Verfahren zu dokumentieren,
  • Ansprechperson sowohl innerbetrieblich als auch extern zu sein.
Machen Sie der Unternehmerin oder dem Unternehmer klar, dass der Erfolg wesentlich von der Kompetenz und dem Engagement des „Kümmerers“ abhängt.
Bei der konkreten Beratung zum Aufbau eines Präventionskonzeptes im Betrieb ist es empfehlenswert, auch eine Vertreterin oder einen Vertreter der Rehabilitationsabteilung zu beteiligen. Von ihr oder ihm können konkrete und rechtlich fundierte Auskünfte hinsichtlich der Gestaltung und Organisation der Rehabilitation eines Betroffenen nach Eintritt eines Schadensereignisses gegeben werden.

4.3.2   Notfallplan – Rettungskette

Die psychologische Erste Hilfe unterscheidet sich zwar inhaltlich von der medizinischen Ersten Hilfe, trotzdem können sich die Unternehmen an den jeweiligen betrieblichen Strukturen (Rettungskette) orientieren. Diese sollten aber auf ihre Anwendbarkeit für die psychologische Hilfeleistung überprüft werden. Dabei sollten folgende Fragen geklärt und schriftlich festgehalten werden:
  • Wo und wie wird der Unfall gemeldet (innerbetriebliches Telefon, Handy)?
  • Wer wird von wem, wann und wie über das Ereignis und den Zustand der Betroffenen informiert?
  • Wer übernimmt die Erstbetreuung, wie werden die Erstbetreuer alarmiert?
  • Wie wird mit den Betroffenen Kontakt aufgenommen?
  • Wer nimmt bei Bedarf Kontakt zu Angehörigen auf (z. B. Notfallseelsorge, Krisenintervention, Führungskraft, Erstbetreuer)?
  • Welche Aufgaben hat die Erstbetreuerin oder der Erstbetreuer, welche Hilfsmittel stehen ihr bzw. ihm zur Verfügung?
Anschriften und Telefonnummern der im Bedarfsfall zu informierenden Personen sind im Betreuungskonzept festzuschreiben und den Beschäftigten mitzuteilen. Dies sind insbesondere:
  • die betrieblichen Akteure („Kümmerer“, Führungskräfte, …),
  • die Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer,
  • die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt,
  • die Sozialberatung,
  • der Unfallversicherungsträger.
 
Unabhängig von der betrieblichen Hilfeleistung sollte schnellstmöglich die Anzeige des Unfalls beim Unfallversicherungsträger erfolgen, da dieser für notwendige, über die Erstbetreuung hinausgehende, stabilisierende Maßnahmen und ggf. weitergehende Behandlungen zuständig ist. So kann das zuständige Reha-Management frühzeitig die weitere Rehabilitation verantwortlich koordinieren und betreuen.

4.3.3   Erstbetreuung

 
Eine Betreuung der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters sollte direkt nach dem Eintreten eines traumatischen Ereignisses einsetzen. Die optimale Betreuung z. B. nach einem schweren Unfall, erfolgt durch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – so genannte Erstbetreuer oder psychologische Ersthelfer. Diese werden unmittelbar nach einem Unfall benachrichtigt und leisten den Betroffenen möglichst noch am Unfallort Hilfe, ohne gleichzeitig andere Aufgaben übernehmen zu müssen. Ziel ist es, die Betroffenen merken zu lassen, dass sie nicht alleine gelassen werden. Bei der Erstbetreuung kommt es auf ein möglichst zeitnahes „Sich-Kümmern“ und „Nicht-Alleine-Lassen“ an und nicht um eine professionelle psychologische Betreuung. Bei der Auswahl der Erstbetreuer ist zu berücksichtigen, dass sie während der Betriebszeiten jederzeit erreicht werden können, zeitnah am Unfallort sein können und jederzeit vom eigenen Arbeitsplatz abkömmlich sind. Das heißt in der Praxis, dass unter Umständen ein Bereitschaftsdienst eingerichtet werden muss, der die gesamte Betriebszeit des Unternehmens berücksichtigt. Nur so kann sichergestellt werden, dass alle durch ein traumatisches Ereignis Betroffene die Unterstützung durch einen Erstbetreuer erhalten.
Beraten Sie im Unternehmen über die wichtigsten Aufgaben der Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer:
  • schnellstmögliche Kontaktaufnahme mit den Betroffenen,
  • Anforderung ärztlicher Hilfe bei Bedarf,
  • Gewährleisten von emotionalem Beistand (z. B. beruhigen),
  • Abschirmung gegenüber Einwirkungen von außen (z. B. Polizei, Passanten, Journalisten),
  • Begleitung zu einer Ärztin oder einem Arzt bzw. zur Betriebsärztin oder zum Betriebsarzt,
  • in Absprache mit den Betroffenen: Information Angehöriger,
  • Aufklärung über betriebliche Vorgehensweise,
  • Begleitung in das private Umfeld (Familie, Freunde, …).
Kann eine Betreuung am Unfallort nicht gewährleistet werden, sollte ein Erstkontakt in den ersten Stunden bis Tagen erfolgen. Dies sollte aber nicht der Initiative der Betroffenen überlassen werden. Hier muss das Unternehmen aktiv werden und den Kontakt zu Betroffenen herstellen.
 
Wird dennoch von Betroffenen erwartet, dass diese den Kontakt aufnehmen, muss dies im Betreuungskonzept festgeschrieben werden und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bekannt sein. In diesem Fall sind Ansprech-personen und eine feste Rufnummer für den telefonischen Erstkontakt am gleichen Tag oder am Folgetag festzulegen. Informieren Sie das Unternehmen über bestehende Regelungen Ihres Unfallversicherungsträgers zum Einsatz von Erstbetreuerinnen und Erstbetreuern.
Grundsätzlich gibt es für deren Einsatz verschiedene Modelle. Die Erstbetreuung kann intern oder als externe Dienstleistung sichergestellt werden. Die folgende Gegenüberstellung liefert eine Entscheidungshilfe für eine inner- oder außerbetriebliche Erstbetreuung.
Abb. 2: Argumente für die Auswahl interner oder externer Erstbetreuung
Erstbetreuung am Unfallort
INNERBETRIEBLICH  AUSSERBETRIEBLICH
Zeichnung für innerbetrieblich
vertrauter Kollege  fremde Person
Zeichnung für außerbetrieblich
kennt betriebliche Abläufe gut  kennt Unternehmen kaum
Laienhelfer  professionelle Hilfe
gute Verfügbarkeit  gute Verfügbarkeit
hoher organisatorischer Aufwand  kaum organisatorischer Aufwand
Überlassen Sie der Unternehmerin oder dem Unternehmer die Entscheidung für interne oder externe Erstbetreuung. Diese wird in Abhängigkeit von der Struktur und in Absprache mit der Mitarbeitervertretung getroffen. Entscheidend sind die Anzahl der Beschäftigten, die als Erstbetreuerinnen oder Erstbetreuer in Frage kommen, die Möglichkeiten, eine Betreuung während der gesamten Betriebszeit sicherzustellen, die Entfernung der Betriebsstätte vom Ereignisort und dessen Erreichbarkeit sowie die Anzahl potentieller Hilfefälle.
Entscheidet sich ein Unternehmen für eine externe Erstbetreuung, so muss ein entsprechender Vertrag mit dem Dienstleister (z. B. eine der Hilfeleistungsorganisationen) abgeschlossen werden.
In Einzelfällen kann bei der Alarmierung des Rettungsdienstes die Notfallseelsorge mit angefordert werden. Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr können auf eine professionelle Notfallseelsorge, z. B. der Hilfeleistungsorganisationen, zugreifen.
Dies kann aber nicht als Bestandteil eines innerbetrieblichen Betreuungskonzeptes vorgesehen werden, da dadurch die Kapazitäten ehrenamtlich tätiger Organisationen und Personen gesprengt würden.
Werden in einem Unternehmen betriebsinterne Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer eingesetzt, müssen diese aus- und fortgebildet sein. Die Aus- und Fortbildungsanbieter müssen über einschlägige Erfahrungen aus dem Einsatzbereich verfügen und eine fachbezogene medizinische oder psychologische Ausbildung haben.
Vor der Beratung informieren Sie sich bitte, ob Ihr Unfallversicherungsträger entsprechende Adressen vorhält oder über das Qualifizierungsangebot Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer ausbildet. Auch sollten Sie der Unternehmerin oder dem Unternehmer über Regelungen Ihres Unfallversicherungsträgers über die Kostenerstattung oder -beteiligung Auskunft geben können.
 
Die Ausbildung umfasst idealerweise 16 Stunden1), diese kann für Erstbetreuer mit einschlägigen Vorkenntnissen verkürzt werden. Alle zwei Jahre ist eine Fortbildung erforderlich. Die Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass viele ausgebildete Erstbetreuer über Jahre nicht zum Einsatz kommen. Dadurch gerät das in der Ausbildung Erlernte in Vergessenheit und eine gute Qualität der Erstbetreuung ist nicht mehr sichergestellt.
Inhalte der Aus- und Fortbildung der Erstbetreuer sind:
  • potentielle Hilfsangebote,
  • typische Reaktionen Betroffener,
  • Einordnen in die Rettungskette,
  • Vorrang medizinischer vor psychologischer Betreuung,
  • Kennenlernen der Grundregeln,
  • Sicherung (Selbstschutz),
  • Sprechen (Kontaktaufnahme mit dem Betroffenen),
  • Schützen (vor weiteren Belastungen und Gefahren),
  • Stützen (emotionale Unterstützung für Betroffen),
  • Darstellung der betrieblichen Struktur und Umsetzung des Konzeptes.
Fußnote 1
entsprechend den Empfehlungen der Bundespsychotherapeutenkammer und der Unfallversicherungsträger

4.3.4   Folgebetreuung

Es ist wichtig, frühzeitig zu erkennen, ob sich bei Betroffenen nach einem traumatischen Ereignis psychische Störungen entwickeln. Nicht alle benötigen eine professionelle Betreuung oder Behandlung. In der Mehrzahl der Fälle klingen die Beschwerden von selbst wieder ab. Ist dies nicht der Fall, müssen die Maßnahmen der Stabilisierung möglichst schnell einsetzen, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Stabilisierende (probatorische) psychotherapeutische Sitzungen sollten deshalb bei Bedarf, spätestens vier Wochen nach dem Ereignis eingeleitet werden. Dies kann auch durch das Unternehmen in Absprache mit der Betriebsärztin oder dem Betriebsarzt angeregt werden. Veranlasst wird die Behandlung durch den Unfallversicherungsträger oder die Ärztin bzw. den Arzt (i. d. R. der D-Arzt). In großen Unternehmen, in denen die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt als „Kümmerer“ im Rahmen des Betreuungskonzeptes tätig ist, kann auch dieser die Behandlung durch z. B. eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten veranlassen. In diesen Fällen muss aber das Betreuungskonzept mit dem Unfallversicherungsträger abgestimmt sein und vorab die Kostenzusage des Unfallversicherungsträgers eingeholt werden.
Ausrufezeichen
In jedem Fall ist eine unverzügliche Unfallanzeige an den Unfallversicherungsträger notwendig.

4.3.5   Maßnahmen bei Rückkehr an den Arbeitsplatz

 
Mit zunehmender Dauer der Arbeitsunfähigkeit wird die Integration ins Arbeitsleben schwieriger. Die berufliche Tätigkeit sollte daher so früh wie möglich wieder aufgenommen werden, weil die Ängste, die mit einer Wiederaufnahme der Tätigkeit verbunden sind, mit längeren Arbeitsunterbrechungen oftmals ansteigen.
In Abstimmung mit den Betroffenen, dem betriebsärztlichen Dienst, dem Unfallversicherungsträger und weiteren Beteiligten („Kümmerer“, D-Arzt, Psychotherapeut) sollte der Betrieb unter Einhaltung einer zielgerichteten Abfolge von Maßnahmen dafür Sorge tragen, dass die Beschäftigten wieder an ihren ursprünglichen Arbeitsplätzen eingesetzt werden können.
Weitere Informationen finden Sie in der DGUV Broschüre „Leitfaden für Betriebsärzte zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement“.
Folgende Aspekte bzw. Integrationsschritte sind bei Wiederaufnahme der Tätigkeit in Betracht zu ziehen:
  • Begleitung durch Kolleginnen oder Kollegen und/oder Führungskräfte bei Wiederaufnahme der Tätigkeit,
  • Beurteilung der Eignung in Zusammenarbeit mit der Betriebsärztin oder dem Betriebsarzt (ggf. arbeitsmedizinische Beratung und Untersuchung),
  • falls erforderlich, Angebot einer vorübergehend anderen Tätigkeit.
Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Integration ist eine Unternehmenskultur, deren Charakter sich durch einen wertschätzenden Umgang auszeichnet. Die Beschäftigten können den Integrationsprozess fördern, wenn sie kollegial aufeinander achten und sich gegenseitig unterstützen. Dabei geht es um Hilfe zur Wiedereingliederung und keine Überwachung oder Bevormundung.

4.3.6   Information der Beschäftigten

Im Rahmen der betrieblichen Unterweisung oder spezieller Schulungsmaßnahmen soll über die Gefährdung durch traumatische Ereignisse und über das Betreuungskonzept informiert werden. Dies kann Teil der Unterweisung zum Thema Erste Hilfe sein.
Die Vorstellung des Notfallplans sowie der Rettungskette sollte im Wesentlichen den Inhalt der Unterweisung bilden. Vergleiche dazu auch Abschnitt 4.3.2.

4.4   Dokumentation Ihrer Aktivitäten

Dokumentieren Sie in der Betriebsakte Ihre Beratungsaktivitäten hinsichtlich:
  • der Ermittlung von Gefährdungen durch traumatische Ereignisse,
  • der Grundlagen eines betriebsspezifischen Konzepts,
  • der Inhalte eines Betreuungskonzepts,
  • der konkreten Absprachen mit dem Unfallversicherungsträger.
Hilfreich ist es, Ihre Rehabilitationsabteilung über die Inhalte der Konzepte der Betriebe zu informieren.

5   Rechtliche Grundlagen

Der Gesetzgeber hat in § 2 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) festgelegt, dass durch den betrieblichen Arbeitsschutz auch arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren abgewendet oder mindestens minimiert werden müssen. Grundlage für betriebliche Maßnahmen ist die Gefährdungsbeurteilung (§ 5 ArbSchG), in der auch Gefährdungen durch traumatische Ereignisse zu erfassen sind. Leitet sich aus der Gefährdungsbeurteilung ein Handlungsbedarf ab, sind entsprechende präventive Maßnahmen zu treffen.
Naturgemäß lassen sich nicht alle Quellen psychischer Traumatisierung technisch oder organisatorisch vermeiden. In solchen Fällen müssen Maßnahmen zur Unterstützung und Betreuung Betroffener ergriffen werden. Zudem ergibt sich aus dem Siebten Buch Sozialgesetzbuch § 193 (SGB VII) die Pflicht zur Unfallmeldung durch die Unternehmerin oder den Unternehmer.

6   Häufig gestellte Fragen

6.1   Fragen zum Verfahren

Fragezeichen
Entwickelt sich nach einem traumatischen Ereignis auf jeden Fall eine psychische Erkrankung?
Ausrufezeichen
Nein. Nicht jedes belastende Ereignis ist für jeden Menschen mit einer psychischen Erkrankung verbunden. Viele Menschen können ein belastendes Ereignis mit ihren Selbstheilungskräften bewältigen, diese sind jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manchmal brauchen die Selbstheilungskräfte nur einen Anstoß, manchmal aber reichen sie nicht aus. Dann ist für diese Betroffenen eine Therapie notwendig.
Fragezeichen
Muss auf jeden Fall nach einem traumatischen Ereignis ohne körperlichen Schaden ein Durchgangsarzt aufgesucht werden?
Ausrufezeichen
Stimmen Sie sich zu dieser Frage mit dem Reha-Management Ihres Unfallversicherungsträgers ab.
Fragezeichen
Ist es erlaubt, dass Betroffene am Unfallort gegenüber der Polizei keine Angaben zum Unfallhergang machen?
Ausrufezeichen
Ja. Der Polizei gegenüber sind Betroffene höchstens zu Angaben bezüglich ihrer Person, Dienststelle, Anschrift verpflichtet. Weitere Informationen sollten sie erst zu einem späteren Zeitpunkt geben.
Fragezeichen
Darf die Polizei – ohne Verdachtsmomente – einen Alkoholtest durchführen?
Ausrufezeichen
Ja, das ist erlaubt. Dies dient auch der eigenen Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Zeugen behaupten, der oder die Beteiligte habe eine „Fahne“ gehabt, wird es schwer, das Gegenteil zu beweisen.
Fragezeichen
Dürfen Betroffene, die ihre Tätigkeit direkt nach einem Unfall nicht weiterführen können oder sollen, mit ihren eigenen Autos nach Hause fahren?
Ausrufezeichen
Davon sollte ihnen dringend abgeraten werden. Sie selbst können ihre eigene körperliche und seelische Verfassung kaum einschätzen. Der Betrieb sollte für diesen Fall vorab klären, wie eine Heimfahrt organisiert wird.
Fragezeichen
Darf eine Erstbetreuerin oder ein Erstbetreuer die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter mit dem privaten Pkw oder Dienstwagen in ein Krankenhaus bringen?
Ausrufezeichen
Diese Vorgehensweise muss in jedem Fall im Unternehmen abgestimmt sein, d. h. die Erstbetreuer müssen grundsätzlich vom Unternehmen beauftragt sein (z. B. im Betreuungskonzept festgelegt).
Fragezeichen
Ist es egal, welche Therapeutin bzw. welcher Therapeut Beschäftigte nach einem traumatischen Ereignis behandelt?
Ausrufezeichen
Nein. Die Unfallversicherungsträger haben für diesen Fall ein strukturiertes und qualitätsgesichertes Verfahren entwickelt (siehe Information 206-017, Abschnitt 4.2 Psychotherapeutenverfahren).
Fragezeichen
Wird eine entsprechende Therapie vom Unfallversicherungsträger bezahlt?
Ausrufezeichen
Grundsätzlich ja, bei einem Arbeitsunfall.
Fragezeichen
Darf die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt die Arbeitsunfähigkeit bescheinigen?
Ausrufezeichen
Nein, bei gesetzlich krankenversicherten Personen (auch bei durch den Unfallversicherungsträger versicherten Arbeitsunfällen).
Ja, bei privat versicherten Personen. Die Unfallversicherungsträger können Ausnahmen zulassen.
Fragezeichen
Darf die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt überprüfen, ob die Arbeitsunfähigkeit zu Recht bescheinigt wurde?
Ausrufezeichen
Nein! Das ist ausschließlich Aufgabe des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen.
Fragezeichen
Darf die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt betroffene Beschäftigte selbst behandeln?
Ausrufezeichen
Nein! Betriebsärzte dürfen lediglich im Rahmen der Notfallversorgung tätig werden. Die weitere Behandlung ist Vertragsärzten vorbehalten. Im Rahmen der betriebsärztlichen Tätigkeit ist jedoch eine Aufgabe, die Beschäftigten zu untersuchen und zu beraten, um einer Erkrankung oder Verschlimmerung oder einer Gefahr am Arbeitsplatz vorzubeugen. Auch bei der Wiedereingliederung sollte die betriebsärztliche Sicht hinzu gezogen werden. Betriebsärzte können hier als Schnittstelle zwischen Sozialversicherungsträgern, Betroffenen und Betrieben agieren.

6.2   Fragen zu Berufen und Tätigkeiten

Fragezeichen
Was ist Rettung?
Ausrufezeichen
Die Versorgung von Menschen, die sich in einer psychischen Notsituation befinden, in der vitale, lebenswichtige, körperliche und psychische Funktionen teilweise oder ganz außer Kraft gesetzt sind oder drohen, außer Kraft gesetzt zu werden. Erstes Ziel ist die Rettung aus einer akuten, psychischen Gefahrensituation, von der für das Leben der Betroffenen eine subjektive erlebte Bedrohung ausgeht, sowie eine weitestgehende Verhinderung des Auftretens erneuter Bedrohungen.
Fragezeichen
Psychologische Erstbetreuung:
Ausrufezeichen
Erstbetreuer und psychosoziale Fachkräfte (z. B. der Notfallseelsorge, der Notfallpsychologie) stehen Betroffenen unmittelbar am Schadensort bei.
Fragezeichen
Psychotherapeutische Notfallversorgung:
Ausrufezeichen
Zeitnahe professionelle Behandlung z. B. durch niedergelassene psychologische oder ärztliche Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten (Psychotraumaambulanzen, stationäre Einrichtungen).
Fragezeichen
Was ist eine Arbeitsmedizinerin bzw. ein Arbeitsmediziner (Fachärztin oder Facharzt für Arbeitsmedizin)?
Ausrufezeichen
Mediziner, die den ärztlichen Beruf ausüben und die eine in der Weiterbildungsordnung der zuständigen Landesärztekammer festgelegte, mehrjährige Weiterbildung im Fach Arbeitsmedizin nach einer Prüfung erfolgreich abgeschlossen haben. Diese Mediziner dürfen die Gebietsbezeichnung „Fachärztin bzw. Facharzt für Arbeitsmedizin“ führen.
Fragezeichen
Was ist eine Betriebsmedizinerin bzw. ein Betriebsmediziner?
Ausrufezeichen
Mediziner, die den ärztlichen Beruf ausüben, eine Gebietsbezeichnung (Fachärztin oder Facharzt) außerhalb der Arbeitsmedizin besitzen und die eine in der Weiterbildungsordnung der zuständigen Landesärztekammer festgelegte, zweijährige Weiterbildung im Fach Arbeitsmedizin abgeschlossen haben. Sie dürfen die Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ führen.
Fragezeichen
Was ist eine Betriebsärztin bzw. ein Betriebsarzt (Werksärztin bzw. Werksarzt)?
Ausrufezeichen
Arbeits- oder Betriebsmediziner, die vom Unternehmen nach § 3 ASiG in Verbindung mit der DGUV Vorschrift 2 „Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit“ für die arbeitsmedizinische Betreuung der Beschäftigten schriftlich bestellt sind.
Fragezeichen
Was ist eine Durchgangsärztin bzw. ein Durchgangsarzt (D-Ärztin bzw. D-Arzt)?
Ausrufezeichen
Durchgangsärzte werden von den Landesverbänden der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung bestellt. Es sind besonders qualifizierte und speziell ausgestattete Fachärztinnen und -ärzte für Chirurgie. Sie werden zur Steuerung und Überwachung der Heilverfahren nach Arbeitsunfällen von den Unfallversicherungsträgern eingesetzt.
Fragezeichen
Was ist eine Neurologin bzw. ein Neurologe?
Ausrufezeichen
Neurologen (Nervenärzte) sind Fachärzte, die oder der sich mit Erkrankungen des zentralen, peripheren und vegetativen Nervensystems mit nachweisbarer stofflicher Ursache (Entzündungen, Tumor, Stoffwechselkrankheiten ...) beschäftigten.
Fragezeichen
Was ist eine Psychiaterin bzw. ein Psychiater?
Ausrufezeichen
Psychiater sind Fachärzte für Erkrankungen der geistigen Funktionen und des Gefühlslebens. Die Psychiaterin bzw. Psychiater haben Medizin und die Psychologen Psychologie studiert. Psychiater dürfen, anders als Psychologen, Medikamente verschreiben.
Fragezeichen
Was ist eine Psychologin bzw. ein Psychologe?
Ausrufezeichen
Eine Psychologin bzw. ein Psychologe ist jemand, die oder der ein Hochschulstudium im Fach Psychologie abgeschlossen hat. Die Wissenschaft der Psychologie befasst sich mit dem Seelischen des Menschen (z. B. Denken, Fühlen, Verhalten). Im Studienschwerpunkt Klinische Psychologie erwirbt die Psychologin oder der Psychologe umfassende Kenntnisse über die seelische Gesundheit und mögliche Störungen sowie die Grundlagen wissenschaftlicher Psychotherapie. Danach kann sich die Psychologin oder der Psychologe in einer mehrjährigen psychotherapeutischen Weiterbildung zur „psychologischen Psychotherapeutin“ oder zum „psychologischen Psychotherapeuten“ weiter qualifizieren und die kassenärztliche Zulassung erhalten.
Fragezeichen
Was ist eine Psychotherapeutin bzw. ein Psychotherapeut?
Ausrufezeichen
Die Bezeichnung „Psychotherapeutin“ bzw. „Psychotherapeut“ ist eine Zusatzbezeichnung für eine Ärztin oder einen Arzt bzw. eine Psychologin oder einen Psychologen, die sie oder er nach einer psychotherapeutischen Zusatzausbildung führen darf. Entsprechend gibt es psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie ärztliche Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut behandelt seelische Störungen und Leiden.
Fragezeichen
Was ist eine Sozialberaterin bzw. ein Sozialberater?
Ausrufezeichen
Sozialberaterinnen oder -berater haben in der Regel ein Studium der Sozialpädagogik oder der Psychologie absolviert. Sie unterstützen und beraten bei psychosozialen Konflikten (z. B. schweren Erkrankungen, Familien- und Ehekrisen, Schulden usw.). Sie erschließen, vermitteln und organisieren die geeigneten inner- und außerbetrieblichen Hilfen, die zu einer bestmöglichen Problemlösung führen sollen. Sozialberatung ist eine freiwillige soziale Dienstleistung des Unternehmens. In der Regel sind Sozialberaterinnen und -berater bei größeren Unternehmen angestellt. Regional gibt es auch freie Anbieter, die sich an kleine und mittlere Unternehmen richten. Bewährt hat sich auch die regionale Kooperation zwischen größeren Unternehmen und ihren kleineren Nachbarn.

Anlage 1
Risiko-Matrix

Wie stellen Sie fest, ob in Ihrem Unternehmen Handlungsbedarf besteht?
Betrachten Sie dazu die Art der möglichen Ereignisse und schätzen Sie grob deren Häufigkeit sowie Folgenschwere ab.
A.
Art der möglichen Ereignisse
In Ihre Betrachtung einbeziehen müssen Sie schwere Unfälle, Gewalt und tätliche Bedrohung sowie Suizide.
B.
Häufigkeit
Eine grobe Einteilung, die Sie nutzen können, ist die Folgende:
selten   unter 1x in 5 Jahren
mittel   1x in 1–5 Jahren
häufig   über 1x in einem Jahr
C.
Folgenschwere
Beziehen Sie in Ihre Beurteilung die möglichen körperlichen und psychischen Gesundheitsstörungen bei direkt Betroffenen (z. B. Unfallopfer) sowie unmittelbaren Zeugen (z. B. Kollegen) und die Schäden für den Betrieb ein (z. B. Schaden durch Ausfall von Beschäftigten, Beschädigung von Betriebsanlagen, finanzieller Schaden durch Raub). Ordnen Sie Ihre persönliche Folgenabschätzung in die Kategorien „gering“, „mittel“ oder „hoch“ ein.
Zur Verknüpfung der Häufigkeit und der Folgenschwere für die betrachteten Ereignisse können Sie das nachstehende Raster nutzen. Die farblichen Felder zeigen Ihnen den jeweiligen Handlungsbedarf auf.
Bedeutung der Farben:
grün =
Risiko für seelische Verletzungen gering, aber nicht gleich Null. Es muss kein betriebsinternes Präventionssystem aufgebaut werden. Für den Fall der Fälle ist aber ein Kontakt zu externer Hilfe vorzuhalten.
gelb =
Risiko für seelische Verletzungen mittel. Grundlagen für die betriebsinterne Hilfe sollten vorhanden sein (z. B. Sensibilisierung der Führungskräfte, Information der Beschäftigten, ggf. betriebsinterne Erstbetreuerinnen und -betreuer). Ein Kontakt zu externer Hilfe ist vorzuhalten.
rot =
Risiko für seelische Verletzungen hoch. Es sollte eine handlungsfähige Hilfestruktur ins Unternehmen integriert werden (betriebsinterne Erstbetreuerinnen und -betreuer, Präventionsmaßnahmen für Beschäftigte). Ein Kontakt zu externer Hilfe ist vorzuhalten.

Anlage 2
Prüfliste Psychotrauma der Unfallversicherung Bund und Bahn

Nr.PrüffrageEher jaEher nein
1.Gefährdende Tätigkeiten, Arbeitsbereiche, Arbeitssituationen  
1.1Ist weitgehend auszuschließen, dass Beschäftigte im Rahmen der Arbeitsaufgabe in außergewöhnlichen Situationen eingreifen und/oder Hilfe leisten müssen?  
1.2Ist weitgehend auszuschließen, dass Beschäftigte außergewöhnliche Situationen als Beobachter, Zeugen oder Mitbetroffene passiv miterleben müssen?  
1.3Sind Gewaltereignisse am Arbeitsplatz der Beschäftigten weitgehend auszuschließen?  
2.Organisatorische Rahmenbedingungen zum Umgang mit Psychotraumagefährdungen  
2.1Fördert das Unternehmen den offenen, sachlichen, konstruktiven Umgang mit dem Thema Psychotrauma?  
2.2Ist die Vorgehensweise für den Umgang mit traumatisierenden Ereignissen geregelt?  
2.3Sind die Vorgesetzten zum Thema Psychotrauma geschult?  
2.4Werden belastende Ereignisse (außergewöhnliche Situationen und Gewaltereignisse) systematisch erfasst (z. B. im Verbandbuch) und ausgewertet?  
2.5Wird bei Arbeitsunfähigkeit nach außergewöhnlichen Situationen und Gewaltereignissen ein möglicher Zusammenhang erwogen und dem Unfallversicherungsträger angezeigt?  
3.Prävention  
3.1Sind die Beschäftigten darüber informiert, dass möglicherweise Ereignisse in ihrem Tätigkeitsbereich vorkommen, die zu Traumatisierungen führen können?  
3.2Werden die Beschäftigten über den Umgang mit möglichen Folgen traumatisierender Ereignisse unterrichtet?  
3.3Sind technische Maßnahmen getroffen worden, um gewalttätige Übergriffe zu erschweren?  
3.4Sind die Beschäftigten in Gewalt vermeidendem Verhalten und Konfliktlösung (z. B. Deeskalationstraining) geschult?  
3.5Können Beschäftigte im Fall gewalttätiger Übergriffe schnell Hilfe erhalten?  
4.Betreuung nach einem Ereignis  
4.1Ist nach traumatisierenden Ereignissen eine Erstbetreuung (Psychologische Erste Hilfe) gesichert?  
4.2Ist durch die Dienststelle/den Betrieb sichergestellt, dass bei Bedarf eine weitere Betreuung stattfindet, um eine Chronifizierung und posttraumatische Belastungsstörung zu vermeiden?  
4.3Ist sichergestellt, dass bei Bedarf der Übergang zu Therapiemaßnahmen gewährleistet ist, um eine posttraumatische Belastungsstörung zu vermeiden?  
4.4Ist für eine Wiedereingliederung der Beschäftigten bei längerfristiger Arbeitsunfähigkeit gesorgt?  
Nr.Gefährdung/Belastung/MangelBeispielhafte LösungsansätzeVerweis
1.Gefährdende Tätigkeiten, Arbeitsbereiche, Arbeitssituationen
1.1Psychische TraumatisierungPräventions- und Betreuungskonzept entwickelnPsychotrauma/Psychische
Traumatisierung
Außergewöhnliche Situationen
1.2Psychische TraumatisierungPräventions- und Betreuungskonzept entwickelnPsychotrauma/Psychische
Traumatisierung
Außergewöhnliche Situationen
1.3Psychische TraumatisierungPräventions- und Betreuungskonzept entwickelnPsychotrauma/Psychische
Traumatisierung
Gewaltereignisse
2.Organisatorische Rahmenbedingungen zum Umgang mit Psychotraumagefährdungen
2.1Betroffene verschweigen oder verdrängen ihre Probleme
Präventions- und Betreuungsmaßnahmen werden nicht eingeführt und/oder nicht nachhaltig gewährleistet
Betriebsvereinbarung anstreben Ins Unternehmensleitbild einbeziehen
Zielvereinbarung abschließen
Thema in Arbeitsschutz einbinden Unterweisung durchführen
Info-Veranstaltungen durchführen
Informationen zum Thema Psychotrauma ins Intranet aufnehmen
Psychotrauma/Psychische Traumatisierung
2.2Fehlendes, unkoordiniertes Handeln, dadurch unsachgemäße oder fehlende Betreuung und fehlende Transparenz für die BetroffenenVorgehensweise und Verantwortlichkeit für den Umgang mit traumatisierenden Ereignissen klar festlegen
Präventions- und Betreuungskonzept installieren
 
2.3Fehleinschätzung des Verhaltens von Betroffenen
Geeignete Hilfe und Unterstützung bleiben aus
Fehlende Akzeptanz zum Themenbereich
Vorgesetzte schulen (z. B. anhand von Schulungsangeboten oder Selbstlernmaterial der Unfallversicherungsträger) 
2.4Verbesserungsmöglichkeiten werden nicht erkannt
Anspruch auf Versicherungsleistungen geht verloren
In der Dienststelle systematisch erfassen (z. B. Eintrag in das Verbandbuch) und auswertenVerbandbuch
Außergewöhnliche Situationen
Gewaltereignisse
2.5Unzureichende Behandlung. Versicherungsleistungen wie Beratung oder Behandlung werden nicht ausgeschöpftMöglichen Zusammenhang zwischen Arbeitsunfähigkeit und belastenden Ereignissen erwägen
Frühestmöglich Unfallanzeige an den zuständigen Unfallversicherungsträger senden
Außergewöhnliche Situationen Gewaltereignisse
3.Prävention
3.1Keine Vorbereitung möglich
Erhöhtes Risiko psychischer Traumatisierung
Mögliche Gefährdungen in Arbeitsplatzbeschreibung aufnehmen.
Unterweisung durchführen Informationen ins Intranet aufnehmen
 
3.2Fehleinschätzung des eigenen Gesundheitszustandes
Mögliche Hilfsangebote werden nicht in Anspruch genommen
Unterweisung/Schulung durchführen
Anlaufstellen benennen. Selbsthilfemaßnahmen vermitteln
 
3.3Mangelhafte Prävention gegen gewalttätige Übergriffe
Beschäftigte fühlen sich unsicher
Zutritt oder räumliche Trennung der Beschäftigten von Kunden/Besuchern regeln
Gute Übersichtlichkeit und Beleuchtung von Parkplätzen und Zugängen gewährleisten
Überwachungs- oder Notrufeinrichtungen vorhalten
Schwere oder spitze Gegenstände und Waffen im Zugriffsbereich von Kunden/Besuchern vermeiden
 
3.4Ungeeignete, konfliktverschärfende Verhaltensweisen möglichBeschäftigte qualifizieren (z. B. durch Deeskalationstraining)Deeskalationstraining
3.5Zuspitzung der Situation durch Ausbleiben schneller Hilfe
Gefühl des Alleingelassen seins in der Notsituation
Hilfesystem installieren (z. B. Notruf, Kollegen, Wachschutz) 
4.Betreuung nach einem Ereignis
4.1Notwendige schnelle Entlastung bleibt aus; dadurch Verschlimmerung des Gesundheitszustandes möglich
Kein Vertrauen des Betroffenen in die Unterstützung durch die Dienststelle/den Betrieb
Psychologische Erste Hilfe sicherstellen
Geeignete Beschäftigte in psychologischer Erster Hilfe schulen
Psychologische Erste Hilfe
4.2Unbemerkte Chronifizierung bestehender Symptome möglich
Posttraumatische Belastungsstörung
Weitere Betreuung organisieren (z. B. durch speziell ausgebildete Ansprechpartner oder Fachleute)Chronifizierung
Posttraumatische Belastungsstörung
4.3Mögliche Erkrankung wird nicht behandelt
Posttraumatische Belastungsstörung
Dauerhafte Arbeits- und/oder Berufsunfähigkeit möglich
Auf Therapiemöglichkeiten hinweisen
Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten und Unfallversicherungsträgern organisieren
Psychotherapeut
Posttraumatische Belastungsstörung
4.4 Fehlende Wiedereingliederung.
Dauerhafte Arbeits- und/oder Berufsunfähigkeit droht
Speziell ausgebildete betriebliche Ansprechpartner einsetzen
Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten und Unfallversicherungsträgern organisieren
Psychotherapeut

Anlage 3
Übersicht zum Procedere der BG ETEM (BG Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse)

Anlage 4
Meldekette der BGHW (BG Handel und Warenlogistik)

Anlage 5
Betreuungskonzepte der Branche ÖPNV/Bahnen der VBG

Anlage 6
Übersicht zum Procedere der BGHM (BG Holz und Metall)

Anlage 7
Beispiel guter Praxis für Großbetriebe: Betreuungskonzept der Deutschen Bahn AG

Quelle: Broschüre der DB AG / EUK „Psychisch belastende Ereignisse bewältigen – Eine Handlungshilfe für Mitarbeiter im Bahnbetrieb“

Literatur

Bundespsychotherapeutenkammer (2006): Empfehlungen zu Fortbildungs- und Schulungsinhalten „Psychotherapeutische Akutversorgung im Notfall“ und „Sofortmaßnahmen der psychologischen Ersten Hilfe“. Vorstandskommission „Notfallpsychotherapie“ der Bundespsychotherapeutenkammer, Stand: 21.03.2006.
Deutsche Bahn AG und Eisenbahn Unfallkasse (2013). Psychisch belastende Ereignisse bewältigen.
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (2008): Empfehlungen der Gesetzlichen Unfallversicherung zur Prävention und Rehabilitation von psychischen Störungen nach Arbeitsunfällen.
www.dguv.de/publikationen (Link)
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (2011): Leitfaden für Betriebsärzte zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement.
www.dguv.de/publikationen (Link)
Lucas, M. (2001): Notfallpsychologie: Grundlagen, Konzepte, Fortbildungsangebote. In: Psychologische Vor- und Nachsorge für Beschäftigte von Berufsgruppen, die mit Notfallsituationen konfrontiert sind. Tagungsbericht TB 120, hrsgeg. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund/Berlin. NW-Verlag Bremerhaven.
Manz, R., Ritter-Lempp, K. (2005): Herausforderung berufsbedingte Traumatisierung – Handlungsempfehlungen für Unternehmen, Verbände und Politik.
www.inqa.de (Link)
Unfallkasse des Bundes und Zentralstelle für Arbeitsschutz beim Bundesministerium des Innern (2007). Handlungshilfe zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen in der Bundesverwaltung sowie in Betrieben und Einrichtungen der Länder und Kommunen – Version 3.1 (CD-ROM). Link zur Seite der Unfallversicherung Bund und Bahn.
www.uv-bund-bahn.de (Link)
Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (2004): Betreuung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach einem Extremerlebnis – Ein Leitfaden zur Organisation im Unternehmen. VDV Mitteilungen Nr. 9031.
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (2012). warnkreuz SPEZIAL Nr.2: Trauma und Psyche: Betreuung von Beschäftigten in Verkehrsunternehmen nach traumatischen Ereignissen.

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Projekt „Psyche und Trauma“,
Sachgebiet „Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt“,
Fachbereich „Gesundheit im Betrieb“ der DGUV.
Layout & Gestaltung:
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Ausgabe: Juli 2015
DGUV Information 206-018
zu beziehen bei Ihrem zuständigen Unfallversicherungsträger oder unter www.dguv.de/publikationen