Was ist Goalball?

Goalball wurde im Jahre 1946 als erste Ballsportart für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt, da es zu diesem Zeitpunkt durch den Zweiten Weltkrieg viele Kriegsversehrte mit visuellen Einschränkungen gab. Da die Spielidee relativ leicht umzusetzen ist und neben dem Spielgerät wenig Zusatzmaterial benötigt wird, eignet sich diese Sportart auch bestens für den Sportunterricht. Unter dem Aspekt der umgekehrten Inklusion bietet Goalball die Chance, dass Lernende mit und ohne (Seh-)Behinderungen gemeinsam eine Sportart aus dem Behindertensportbereich betreiben.
Sind Ballsportarten im Sportunterricht üblicherweise eher visuell ausgerichtet, bietet Goalball die Gelegenheit, eine Spielsportart einzuführen, bei der die meisten Informationen über die Akustik gewonnen werden. Neben der damit verbundenen Herausforderung, dass die Schülerinnen und Schüler eine Atmosphäre schaffen müssen, die eine akustische Informationsaufnahme ermöglicht, bedarf es innerhalb der Mannschaften einer guten Kommunikation, die bei den klassischen Ballsportarten häufig weniger Beachtung findet. Durch das Verbinden der Augen ist es unabdingbar, die Orientierung im Raum ohne optische Rückmeldung zu verbessern, was auch für sehende Schülerinnen und Schüler eine lohnende Herausforderung darstellt. Neben dem Erlernen einer neuen Sportart kommt es so zu einer Sinnessensibilisierung und einer Verbesserung der akustischen (Gehör) und kinästhetischen (Körpergefühl) Wahrnehmungsfähigkeit.
Zusammenfassung der pädagogischen Begründung:
1)
Besondere Schulung der räumlichen Orientierungsfähigkeit
2)
Verbesserung der kinästhetischen Differenzierungsfähigkeit (Krafteinsatz bei Pässen und Würfen = Ballgefühl) und damit verbunden des Körpergefühls
3)
Steigerung der verbalen Kommunikation zwischen den Lernenden
Goalball kann in jeder Jahrgangsstufe (Sek. I und II) eingeführt werden. Natürlich eignet sich die Sportart besonders, wenn Schülerinnen und Schüler mit einer Sehbehinderung inklusiv unterrichtet werden, da diese in den gängigen Ballsportarten häufig Nachteile haben. Unabhängig davon kann Goalball aber auch eine Bereicherung in jedem Sportunterricht sein.
Die Unterrichtseinheit ist darauf ausgerichtet, dass ein Teil der Gruppe (je nach Anzahl der Materialien und der verfügbaren Spielfelder) die Übungsformen mit Augenbinden durchführt und hierbei unterschiedliche Unterstützung benötigt. Bei den Orientierungsübungen müssen die Lernenden zum Teil geführt werden, bei den Pass-, Wurf- und Defensivübungen sind ebenfalls helfende Hände notwendig. Aus diesem Grund können auch kranke oder verletzte Schülerinnen und Schüler prima in die Unterrichtseinheit integriert werden, besonders im späteren Zielspiel als Spielleitung, Torrichter oder um Bälle wieder ins Spiel zu geben.

Spielidee

Spielgedanke des Goalballs ist, den Ball auf die gegnerische Seite und vorbei an der Abwehr ins Tor zu werfen. Die abwehrende Mannschaft versucht, den Ball zu halten, um diesen innerhalb einer festgelegten Zeit zurückzuwerfen, damit sie selbst ein Tor erzielen kann. Da der Ball in der Luft nicht hörbar ist, muss der Wurf so ausgeführt werden, dass er innerhalb bestimmter Spielfeldzonen (alle sechs Meter) den Boden berührt. Damit ein möglichst dynamisches Spiel zustande kommt, darf der Ball nur maximal zehn Sekunden in Besitz einer Mannschaft bleiben. Regelverstöße werden mit einem Penalty geahndet. Dazu muss ein Spieler oder eine Spielerin der bestraften Mannschaft das gesamte Tor für einen Wurf der gegnerischen Mannschaft alleine verteidigen. Gewonnen hat die Mannschaft, die am Ende der abgelaufenen Spielzeit mehr Treffer erzielt hat. Während des Spiels tragen die Spielerinnen und Spieler undurchsichtige Brillen. Damit bestehen hinsichtlich der visuellen Informationsaufnahme für Alle, unabhängig von ihrer Sehstärke, gleiche Bedingungen. So können Lernende ohne und mit Sehbehinderung gleichberechtigt am Spiel teilhaben.

Spielfeld und Spielzeit

Das Spielfeld, auf dem Goalball gespielt wird, entspricht einem Volleyballfeld mit den Maßen 9 x 18 Meter und ist somit in gängigen Sporthallen vorgezeichnet. Zur besseren Orientierung der Spielerinnen und Spieler sollten besonders die Centerlinie (3 Meter vor dem Tor) sowie die beiden Außenpositionen (1,50 Meter links und rechts vor dem Tor) fühlbar gekennzeichnet sein (siehe Abbildung). Dazu werden die entsprechenden Linien mit Klebebändern markiert. Das geht unkompliziert, indem Maurerschnur über den Bodenlinien gespannt und dann mit Gewebeband überklebt wird. Die 9 Meter lange Grundlinie bildet zugleich die Torlinie des 1,30 Meter hohen Tores. Vor jedem Tor befindet sich der 6 Meter tiefe Mannschaftsraum. Das Tor ist 1,30 Meter hoch und 9 Meter breit, da ein solches Tor aber selten verfügbar ist, eignen sich auch zwei Turnbänke und ein kleiner Kasten dazwischen, um ein entsprechend breites Tor zu schaffen.
Das Goalballfeld
Das Goalballfeld
Eine der großen Herausforderungen im Goalball besteht darin, dass der Angreifende keine exakte Rückmeldung über den Abwurfpunkt und den Trefferpunkt seines Wurfes erhält, da diese Informationen üblicherweise über die Augen aufgenommen werden. Deswegen benötigen gerade Anfänger eine externe akustische Rückmeldung über Art und Verlauf des Wurfes. Darum bedient man sich im Goalball eines Zählsystems, das den Aufsatz des Balles und den Trefferpunkt bei der gegnerischen Abwehr mit einer Nummer zwischen 1 und 7 beschreibt.
Dabei wird immer aus Richtung des eigenen Teams von links nach rechts gezählt, die erste Zahl ist der Abwurfpunkt, die zweite Zahl der Trefferpunkt beim gegnerischen Tor.
 AbwurfpunktTrefferpunkt
Position:
1
Lücke linker Pfosten/linker SpielerPosition:
1
Lücke linker Pfosten/linker Spieler
2Linker Spieler2Linker Spieler
3Lücke linker Spieler/Mittelspieler3Lücke linker Spieler/Mittelspieler
4Mittelspieler4Mittelspieler
5Lücke Mittelspieler/rechter Spieler5Lücke Mittelspieler/rechter Spieler
6Rechter Spieler6Rechter Spieler
7Lücke rechter Spieler/rechter Pfosten7Lücke rechter Spieler/rechter Pfosten
Eine 1-1 ist somit ein Wurf auf der Höhe des eigenen linken Pfostens geradeaus in Richtung des linken Pfostens der gegnerischen Mannschaft. Eine 7-1 demnach ein Wurf vom eigenen rechten Pfosten diagonal in Richtung des linken Pfostens der gegnerischen Mannschaft. Wenn den Schülerinnen und Schülern Leichtathletikbahnen bekannt sind, kann man ihnen dieses Zählsystem mit deren Verlauf am ehesten plausibel machen.
Die Nettospielzeit beträgt in der Regel 2 x 12 Minuten, was im Sportunterricht aber eine untergeordnete Rolle spielen sollte. Wichtig ist, dass die Zeit bei Ausbällen und während Penaltys angehalten wird, was die eigentliche Dauer eines Spiels verlängert. Wichtigste Zeitregel im Goalball ist die „Zehn-Sekunden-Regel“. Diese legt fest, dass zwischen dem ersten Ballkontakt in der Abwehr bis zum Abwurf nicht mehr als zehn Sekunden liegen dürfen, damit das Spiel dynamisch bleibt.

Wichtige Regeln für den Spielverlauf

Pfeil zeigt nach rechts
Primäres Ziel der Unterrichtseinheit ist, dass die Schülerinnen und Schüler möglichst schnell die Spielidee realisieren, weswegen hier nur die wichtigsten Regeln vorgestellt werden, damit der Spielverlauf nicht zu häufig unterbrochen wird.
Torwurf
Der Ball muss während eines Angriffswurfs mindestens einmal vor der 6-Meter-Linie den Boden berühren. Ist dies nicht der Fall, wird der gegnerischen Mannschaft ein Penalty wegen eines „Highballs“ zugesprochen.
Ausbälle
Wenn ein Ball nach einem Angriffswurf die Seitenauslinie überquert, bekommt die verteidigende Mannschaft den Ballbesitz zugesprochen. Dies geschieht unabhängig davon, ob der Ball vorher noch von der verteidigenden Mannschaft berührt wurde oder vom Angreifenden direkt ins Aus geworfen wurde. Nach einem Ausball erhält der Außenspieler, auf dessen Seite der Ball ins Aus gegangen ist, das Spielgerät, es wird auf der 1,5-Meter-Linie eingeworfen und die Partie wird mit dem Wort „Play“ wieder angepfiffen. Wenn ein Ball (bei einem Fehlpass) versehentlich die Auslinie passiert, erhält analog zum Torwurf in das Seitenaus die gegnerische Mannschaft den Ball.
Abwehr
Ein entgegenkommender Ball darf von der verteidigenden Mannschaft mit allen Körperteilen abgewehrt werden. Dabei hat die Mannschaft ab dem ersten Ballkontakt maximal zehn Sekunden Zeit, um den Ball zurückzuwerfen. Prallt der Ball nach einer Abwehraktion über die Mittellinie zurück, spricht man von „Ball over“ und die angreifende Mannschaft darf erneut werfen. Die Außenspieler verteidigen in der Regel auf der 1,5-Meter-Linie und der Mittelspieler (Center) auf der 3-Meter-Linie.
Strafen (Penaltys)
Im Falle eines Penaltys muss der Spieler, der einen Regelverstoß begangen hat, alleine versuchen, einen Wurf der gegnerischen Mannschaft abzuwehren. Seine beiden Mitspieler müssen das Feld während dieses Wurfes verlassen. Während eines Penaltys läuft die offizielle Spielzeit nicht weiter. Welche Regelverstöße zu einem Penalty führen, wird im nächsten Kapitel erklärt.

Spielleitung

Da die Spielerinnen und Spieler dem Spielverlauf nur akustisch folgen können und es gerade bei Anfängern zu Verwirrungen kommen kann, kommt der Rolle der Spielleitung eine tragende Rolle zu. Innerhalb der Einheit kann diese Aufgabe auch prima von kranken oder verletzten Schülerinnen und Schülern übernommen werden. Allgemein sollten im Rahmen der Einheit aber alle Lernenden auch mal als Spielleitung fungieren, um eine zusätzliche Perspektive im Lernprozess einzunehmen.
Play
Zu Beginn einer Partie und nach jeder Unterbrechung muss das Spiel mit dem Wort „Play“ der Spielleitung eröffnet werden, damit beide Mannschaften wissen, dass sie sich innerhalb des festgelegten Regelwerks befinden und die Spielzeit läuft. Während des laufenden Spiels kommt das Signal nur dann, wenn es zuvor zu einer Unterbrechung kam (Ausball, Tor, Regelverstoß).
Out
Wenn ein Ball die Torauslinie berührt, muss die Spielleitung dies akustisch mitteilen. Der Ball muss dann von der Spielleitung an der 1,5-Meter-Linie der verteidigenden Mannschaft wieder reingegeben und das Spiel mit dem Wort „Play“ wiedereröffnet werden. Während der Ball im Aus ist, läuft die Spielzeit nicht weiter.
Ball over
Springt der Ball während der Verteidigung über die Mittellinie oder geht er in der neutralen Zone ins Seitenaus, so bekommt die gegnerische Mannschaft den Ball. Hat ein Team den Ball unter Kontrolle und passt diesen versehentlich ins Aus, verliert es den Ballbesitz.
Highball und 10 Sekunden
Ein Angriffswurf muss so ausgeführt werden, dass der Ball vor der 6-Meter-Linie die Wurfhand verlässt und den Boden vor/auf dieser Linie berührt. Ist das nicht der Fall, so ist dies ein „Highball“ und der Verursachende muss während des anschließenden Penaltys das Tor für einen Wurf alleine verteidigen. Hat eine Mannschaft den Ball länger als eine vorher vereinbarte Zeit (im offiziellen Regelwerk sind es zehn Sekunden) unter Kontrolle, so muss ein Mannschaftsmitglied ebenfalls einen Penalty verteidigen. Innerhalb der Unterrichtseinheit empfiehlt es sich, dass diese beiden Regeln erst schrittweise oder modifiziert eingeführt werden.
Schritt/RegelHighballZeitregel
Schritt 1NeinNein
Schritt 2JaModifiziert3*)
Schritt 3Ja10 Sekunden
Torrichter
Zusätzlich zur Spielleitung wird spätestens in Baustein IV an jeder der vier Ecken des Spielfeldes ein Torrichter benötigt, um einen flüssigen Spielverlauf zu garantieren. Die Hauptaufgabe der Torrichter ist es, dass sie bei Bällen, die zuvor ins Seitenaus geworfen oder durch die Abwehr ins Aus geblockt wurden, auf Höhe der 1,5-Meter-Linie den Ball wieder vertikal einwerfen (über der 1,5-Meter-Linie den Ball fallen lassen). Außerdem können so mehr Schülerinnen und Schüler ins Spiel aktiv eingebunden werden.
Fußnote 3*)
Kann individuell angepasst werden (z. B. 15 Sekunden zwischen Abwehrkontakt und Abwurf).

Materialien

Für die Durchführung im inklusiven Sportunterricht werden nur wenige Materialien benötigt, weshalb sich diese Sportart besonders eignet, um einen Zugang zu den sogenannten Behindertensportarten herzustellen.
Tore
Da die Tore für Goalball in den gängigen Sporthallen nicht vorhanden sind, können diese durch umgekippte Turnbänke ersetzt werden. Je nach Baustein reicht eine Bank als Tor, später können zwei Turnbänke und ein dazwischen platzierter kleiner Turnkasten ein neun Meter breites Tor ersetzen. Da sich die Lernenden den Bänken blind nähern, geschieht dies sehr vorsichtig, so dass ein Stolpern über die Bänke nicht zu befürchten ist. Außerdem werden die Bänke von den Schülerinnen und Schülern zur richtigen Ausrichtung und Orientierung benötigt.
Bälle
Im Zielspiel Goalball ist ein dafür konzipierter Klingelball notwendig. Bei den ersten Bausteinen der Unterrichtseinheit können auch andere Bälle für Pass- und Wurfübungen verwendet werden, sollten keine oder zu wenige Goalbälle vorhanden sein.
Augenbinden
Schon ab dem ersten Baustein der Unterrichtseinheit ist es notwendig, den Schülerinnen und Schülern die Augen für verschiedene Orientierungsübungen zu verbinden. Schlafbrillen oder Schals eignen sich besonders bei größeren Gruppen, damit möglichst viele Lernende zeitgleich die Übungsformen blind durchführen können.
Taktile Linien
Eine Besonderheit der Sportart Goalball besteht darin, dass die Orientierung auf dem Feld über akustische und taktile Informationen geschehen muss. Das eigene Tor kann hierbei eine Hilfe zur Ausrichtung im Raum sein, dennoch benötigen die Spielerinnen und Spieler weitere Hilfsmittel. Deswegen werden die Linien auf dem Spielfeld mit einer Maurerschnur und einem Gewebeband aufgeklebt, so dass die Markierungen auf dem Spielfeld nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar sind.