Hintergrundwissen zur Entwicklung der Inklusionsdebatte

Wurden eingangs bereits erste Hinweise zum Inklusionsdiskurs gegeben, werden nachfolgend weitere Informationen dargestellt, die die Entwicklung hin zur Inklusion illustrieren. Bemühungen, Menschen mit Behinderungen nicht mehr aus der Gesellschaft und den Bildungssystemen auszuschließen (Exklusion), existieren seit Anfang der 1960er Jahre. Dabei waren bis in die Mitte der 1970er Jahre die Paradigmen der Differenzierung und der Homogenisierung handlungsleitend. Spezifischen Bedarfen wurde begegnet, indem differenzierte Schulformen geschaffen wurden, in denen spezialisierte Lehrkräfte in möglichst homogenen Leistungsgruppen arbeiten. So hat sich in der Bundesrepublik unter dem Fachbegriff der Segregation ein leistungsfähiges Förderschulwesen etabliert, das bis heute in der Unterteilung in die sogenannten sonderpädagogischen Förderschwerpunkte fortbesteht. Eine unbeabsichtigte Folge dieser Herangehensweise war jedoch, dass sich (ungewollt) durchgängig exkludierende Lebensbiografien etablieren konnten: So kamen Betroffene beispielsweise aus dem Sonderkindergarten in die Sonderschule, von dort in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, um den Ruhestand in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen zu verbringen.
Unter anderem um diese Eindimensionalität der Biografien aufzubrechen, kam es Anfang der 1970er Jahre zum Übergang zur Integration. Dabei wurde weiterhin versucht, homogene Gruppen zu bilden, um diese dann – häufig in Form eigenständiger Schulzweige – in existierende allgemeine Schulen zu integrieren. Auch wenn räumliche Nähe damit gegeben war, fand der Unterricht häufig weiterhin in „Sonderklassen“ statt. Weil diese Situation insbesondere von den Selbsthilfeverbänden weiterhin als unbefriedigend kritisiert wurde, kam es etwa ab Mitte der 1990er Jahre zur Ablösung des Integrations- durch den Inklusionsbegriff. Ein zentraler Paradigmenwechsel ist darin zu erkennen, dass sich Menschen mit Behinderungen nun nicht mehr den gesellschaftlichen Systemen anzupassen haben, sondern sich die (Schul-)Systeme in ihrer gesamten Struktur so verändern müssen, dass die Barrieren für Menschen mit Behinderungen möglichst klein sind. Im Idealfall werden alle Schülerinnen und Schüler wohnortnah in ihrem sozialen Umfeld unterrichtet, wie es im Kindergarten und in vielen Fällen auch in der Grundschule bereits üblich ist.
Schülerinnen und Schüler, die anders sehen oder hören, im Rollstuhl sitzen, dem Förderschwerpunkt Lernen zugeordnet oder hochbegabt sind, werden in der inklusiven Schule zunehmend zusammen unterrichtet. Um diese Heterogenität aufzufangen, bauen die Bundesländer zurzeit ambulante, behindertenpädagogische Unterstützungssysteme aus, die den Lehrkräften in ihrer Arbeit helfen sollen. Es wird selbstverständlich werden, mit externen Beratungslehrkräften in multiprofessionellen Teams zusammenzuarbeiten und sich mit den sonderpädagogischen Bedürfnislagen der Schülerinnen und Schüler auseinanderzusetzen.
Hinweise zu Unterstützungssystemen für Lehrkräfte: Beratungszentren etc.
Alle Bundesländer haben sich inzwischen auf den Weg begeben, ihre Schulsysteme inklusiv umzugestalten, und eine erste Phase der Schulgesetzgebung inzwischen abgeschlossen. Die Details dieser Umstellung werden durch die jeweiligen Schulgesetze sowie durch die Sonderpädagogischen Verordnungen geregelt und unterscheiden sich immens von Bundesland zu Bundesland. Trotz dieser Unterschiede befinden sich alle Bundesländer auf dem Weg, Förderschulen in sogenannte Beratungs- und Förderzentren (BFZ) bzw. in mobile sonderpädagogische Dienste (MSD) umzuwandeln, die – je nach Förderschwerpunkt – für eine zugewiesene Region zuständig sind. In diesem ambulanten System haben Förderschullehrkräfte vorrangig die Aufgabe, sowohl Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf als auch Regelschullehrkräfte in ihrer pädagogischen Arbeit vor Ort zu unterstützen.
Können Regelschullehrkräfte über diese ambulanten Beratungs- und Förderzentren sonderpädagogische Unterstützung erhalten, bedeutet dies, dass sie für Formen der kollegialen Beratung offen sein müssen und dass es zukünftig stärker um die koordinierte Arbeit in multiprofessionellen Teams gehen wird. Kommen Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung an eine Regelschule oder besteht der Verdacht, dass ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorliegen könnte, ist das BFZ bzw. der MSD Ansprechpartner, um eine entsprechende Diagnostik durchzuführen sowie Unterstützung und Förderung zu initiieren. Als hilfreich hat sich auch erwiesen, für jeden Förderschwerpunkt Ansprechpersonen in den Schulen zu benennen, an die sich Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern wenden können, um erste Informationen zu erhalten. Die ambulanten Förder- und Beratungslehrkräfte helfen auch bei schulrechtlichen Fragen, wie beispielsweise, nach welchem Lehrplan die jeweiligen Schülerinnen und Schüler zu unterrichten sind und ob es um Formen zielgleichen oder zieldifferenten Unterrichts geht, oder auch bei der Gestaltung von bedarfsgerechten Arbeitsmaterialien.