Die Leitidee „Gute gesunde Schule“

Studien belegen, dass Gesundheit eine wichtige Voraussetzung für Bildung ist und gleichzeitig der Bildungsstand mit dem Gesundheitsbewusstsein und -verhalten zusammenhängt. Übertragen auf die Schule bedeutet dies, dass Gesundheit eine zentrale Ressource für die Erreichung des Bildungs- und Erziehungsauftrags von Schule ist (Dadaczynksi, 2012). Dies gilt unmittelbar für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Lehrkräfte – nur gesunde Lehrkräfte können sich ihren Aufgaben mit Engagement und Hingabe widmen. Daher muss es das Ziel sein, eine Schule zu schaffen, die Gesundheit und Wohlbefinden fördert und so letztlich Bildungserfolge erzielt. Eine solche gute gesunde Schule zeichnet sich durch ein Bewusstsein der Bedeutung von Gesundheit und gesundheitsförderlichen Arbeits- und Lernbedingungen aus. Gesundheit ist hier eine Leitidee, die sich in der Gestaltung des Unterrichts, den Lerninhalten und vor allem in der Qualität des sozialen Miteinanders widerspiegelt.
Was genau eine gute gesunde Schule auszeichnet, soll nachfolgend genauer beleuchtet werden. Hierbei stützen wir uns auf Erkenntnisse aktueller Forschung zu den Einflussfaktoren auf die Qualität von Schulen („School Effectiveness“-Forschung) und zu gesundheitsförderlichen Lern- und Arbeitsbedingungen in Schulen.
Bei der Zusammenführung der Erkenntnisse beider Forschungsrichtungen wird deutlich, dass sich eine gute und gesundheitsförderliche Schule primär durch die Qualität des sozialen Miteinanders aller an der Schule Beteiligten (Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern und nicht-pädagogisches Personal) auszeichnet – sowohl innerhalb als auch zwischen diesen Gruppen. Die Abbildung zeigt die salutogenen (gesunderhaltenden) Merkmale guter gesunder Schulen im Überblick, im folgenden Text werden die Merkmale erläutert.
Eine gute gesunde Schule weist folgende salutogene Merkmale auf (Badura, 2005; Hoy & Hannum, 1997):
  • Die gute gesunde Schule schafft Möglichkeiten zur Entwicklung vertrauensvoller sozialer Bindungen und weist ein positives Schulklima auf. Wechselseitige Wertschätzung und Respekt, Vertrauen sowie eine offene und freundliche Grundstimmung sind Facetten eines positiven Schulklimas, welches eine gesundheits- und leistungsförderliche Wirkung besitzt.
  • Hilfreiche und positiv erlebte Rückmeldungen für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler in Form von Zuwendung, Information und Anerkennung vermitteln Sicherheit und fördern Entwicklungen. Schulen unterscheiden sich darin, wie stark die Mitglieder Unterstützung durch andere erfahren. Zu wissen und zu erleben, dass andere Anteil nehmen und Hilfe anbieten, wenn man diese benötigt, lässt Belastungen bewältigbarer erscheinen und reduziert Stress und Angst (Knoll & Schwarzer, 2005). Die Erfahrung, Teil eines Kollektivs zu sein, welches auch in schwierigen Situationen zusammenhält und Lösungen findet, stärkt die Überzeugung, auch zukünftige Probleme gemeinsam lösen zu können. Diese sozialen Ressourcen fördern Wohlbefinden und Gesundheit, motivieren zu Engagement und ermöglichen letztlich bessere Leistungen.
  • Gemeinsame Überzeugungen, Werte und Regeln bilden die Voraussetzung für Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Eine intensive kollegiale Zusammenarbeit – als ein Kennzeichen guter Schulen – ist das Ergebnis eines Konsenses über grundlegende pädagogische Zielorientierungen und Konzepte in der Schule.
  • Die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler identifizieren sich mit ihrer Schule und deren Zielen. Die Identifikation wird gefördert, wenn die Schule ein klares Profil an Werten und Zielen hat und sich Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte mit ihrer Schule emotional verbunden fühlen können. Werte und Ziele einer sozialen Gemeinschaft zu teilen und sich dieser zugehörig zu fühlen, stärkt Engagement und Wohlbefinden.
  • Die Schulleitung führt mitarbeiterorientiert, ermöglicht Partizipation, unterstützt individuell, hat das Wohlbefinden sowie die Gesundheit von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern im Blick und bemüht sich um klare Ziele und Transparenz.
Diese Merkmale bilden zusammen das soziale und kulturelle Kapital einer Schule. Dieses soziale und kulturelle Kapitel bestimmt maßgeblich das Wohlbefinden, die Gesundheit und das Engagement der Mitglieder der Schule und somit letztlich die Leistungsfähigkeit der Schule. Es wird deutlich, dass die Gesundheits- und Qualitätsentwicklung auf das Engste verzahnt sind: Sowohl die Gesundheit als auch die Leistungsfähigkeit des sozialen Systems Schule und der in ihr Tätigen wird von denselben Quellen gespeist. In der guten gesunden Schule stellt die Gesundheitsförderung also kein zusätzliches, vom Schulauftrag losgelöstes Aufgabenfeld dar. Vielmehr wird durch die Gesundheitsförderung unmittelbar ein Beitrag zur Erreichung von Bildungserfolgen und zur Steigerung der Schulqualität geleistet.
Die Ausführungen machen deutlich, dass eine gute gesunde Schule zu allererst ein Kollektiv mit geteilten Werten und Zielen ist, welches ihren Mitgliedern Unterstützung, Förderung und Geborgenheit bietet. Dies bedeutet, dass die Entwicklung hin zu einer guten gesunden Schule immer auch der Schaffung eines gemeinsamen Wertefundaments und geteilter Ziele bedarf. Zudem müssen soziale Beziehungen entstehen, die sich durch Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen auszeichnen. Hier wird deutlich, dass sich das Selbstverständnis von Schulen und ihren Mitgliedern verändern muss. Es reicht nicht, nur Strukturen und Arbeitsprozesse zu ändern, sondern es müssen sich Werte und Einstellungen wandeln. Dieses Verständnis einer guten gesunden Schule wurde 2012 erstmals auch durch die Kultusministerkonferenz aufgegriffen und ist inzwischen zur Leitidee vieler Programme zur Gesundheitsförderung in Schulen geworden (z. B. beim Landesprogramm Bildung und Gesundheit in Nordrhein-Westfalen).
Zum Weiterlesen:
Paulus, P. (Hrsg.). (2010). Bildungsförderung durch Gesundheit. Bestandsaufnahme und Perspektiven für eine gute gesunde Schule. Weinheim: Juventa
DAK-Gesundheit & Unfallkasse NRW (Hrsg.). (2012). Handbuch Lehrergesundheit – Impulse für die Entwicklung guter gesunder Schulen. Köln: Carl Link. Verfügbar unter: http://www.handbuch-lehrergesundheit.de
Hundeloh, H. (2012). Gesundheitsmanagement an Schulen. Prävention und Gesundheits­förderung als Aufgaben der Schulleitung. Weinheim und Basel: Beltz.
Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule (Beschluss der Kultus­ministerkonferenz vom 15.11.2012). Verfügbar unter: http://www.kmk.org/