Einleitung

Schulen entwickeln sich ständig weiter. Einzelne Lehrkräfte erproben neue Unterrichtskonzepte, die Schulleitung führt ein neues Besprechungssystem ein, die Schülervertretung initiiert gemeinsam mit Eltern eine Umgestaltung des Pausenhofs ... Viele solcher Veränderungen werden von einzelnen Personen oder kleineren Gruppen vorgenommen, die ihre Vorstellungen verwirklichen oder klar umrissene Missstände beheben wollen, um sich so das Arbeiten und Leben zu erleichtern. Solche Gestaltungs- und Anpassungsprozesse verlaufen zumeist ohne größere Widerstände und berühren nicht das Selbstverständnis der Schule. Kontinuierliche Anpassungs- und Verbesserungsleistungen dienen der Optimierung von Arbeitsprozessen und Strukturen, verlangen aber kein Infragestellen von Denk- und Verhaltensroutinen oder Werthaltungen.
Im Unterschied hierzu stehen in diesem Leitfaden umfassende und tiefgreifende Entwicklungsprozesse in Schulen im Mittelpunkt, die auf eine grundlegende Änderung der Strukturen, Prozesse und vor allem der Kultur einer Schule abzielen. Es geht um die Realisierung des Idealbildes einer gesunden und lernenden Schule. Eine gute gesunde Schule ist im Kern eine Gemeinschaft mit geteilten Werten und Normen und kollektiven Zielen, deren Mitglieder vertrauensvolle und hilfreiche soziale Beziehungen pflegen und sich mit ihrer Schule identifizieren. Eine gute gesunde Schule ist ein Ort, an dem Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sich wohl und beschützt fühlen und sich unterstützt und angeregt durch andere weiterentwickeln können. Durch die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden wird die Grundlage für engagiertes Arbeiten und Lernen geschaffen – Gesundheit ist eine Ressource für erfolgreiches Lernen und Arbeiten. Wenn Schulen sich diesem Ziel annähern möchten, müssen sie ihre Arbeits- und Kommunikationsprozesse sowie Werte und Sichtweisen in Frage stellen und neu gestalten – es ist ein tief greifender Wandel vonnöten.
Wie schwierig sich dies in der Praxis gestaltet, wissen viele Lehrkräfte aus leidvoller Erfahrung. Generell gilt, dass die meisten tiefgreifenden Veränderungsvorhaben in Organisationen nicht zu dem erwünschten Erfolg führen (Stock-Homburg, 2007). Laut empirischen Studien scheitern bis zu 70 Prozent der Vorhaben. Diese Problematik ist auch in Bezug auf Projekte zur Gesundheitsförderung bekannt: Oftmals gelingt es nicht, gesundheitsförderliches Verhalten zu realisieren bzw. dieses zu stabilisieren – weder auf individueller noch auf organisationaler Ebene. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass die Ausgangsbedingungen der jeweiligen Organisation bei der Gestaltung der Veränderungsvorhaben nicht ausreichend Berücksichtigung finden. Oftmals bezweifeln die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Sinnhaftigkeit des Veränderungsvorhabens, glauben nicht an den Erfolg oder fürchten, den neuen Anforderungen nicht genügen zu können. Dies kann zu Widerständen oder Resignation führen.
Bei Schulen werden Entwicklungsvorhaben auch durch ihr spezifisches Organisationsformat erschwert: Es sind kaum Zeitfenster für Schulentwicklungsvorhaben vorgesehen; die Schulleitung verfügt im Vergleich zu anderen Organisationen über wenig Steuerungsmacht; das Professionalitätsverständnis vieler Lehrkräfte ist auf die Gestaltung des Unterrichts fokussiert, die Weiterentwicklung der Schule wird als lästige Zusatzaufgabe betrachtet ... Dies trägt dazu bei, dass viele Schulentwicklungsprojekte versanden oder keine nachhaltigen Effekte erzielen. Immer wieder treffen wir deshalb auf Schulen, die man als „projektmüde“ bezeichnen kann – eine schwere Hypothek für ein neues Schulentwicklungsprojekt.
Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie ein Entwicklungsprozess hin zu einer guten gesunden Schule erfolgreich gestaltet werden kann. So sind zum Beispiel die Veränderungsbereitschaft des Kollegiums und der Schulleitung in der Startphase und das Engagement möglichst vieler Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern in der Interventionsphase entscheidende Gelingensbedingungen für ein erfolgreiches Schulentwicklungsprojekt. Diese und weitere Gelingensbedingungen werden im Leitfaden erläutert. Es wird aufgezeigt, mit Hilfe welcher Schritte und Instrumente Schulen ihren Schulentwicklungsprozess möglichst erfolgreich gestalten können. Der Leitfaden basiert sowohl auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Gestaltung von Entwicklungsprozessen in Schulen als auch auf den Erfahrungen, die wir in vielen Schulentwicklungsprojekten zur Förderung von Gesundheit und Qualität gesammelt haben. Der Leitfaden folgt der Chronologie eines Schulentwicklungsprozesses mit den drei Phasen „Planung/Start“, „Intervention“ und „Transfer/Stabilisierung“.
Ziel des Leitfadens ist es, all jenen, die an der Entwicklung guter gesunder Schulen arbeiten, ein Verständnis von den Erfolgsfaktoren und Hindernissen von Schulentwicklungsprozessen zu vermitteln sowie konkrete Hilfestellungen zu geben.
Tipp
Weitergehende Erläuterungen und Empfehlungen zu den einzelnen Gelingens­bedingungen, die in diesem Leitfaden vorgestellt werden, finden Sie im „Handbuch Lehrergesundheit“ (http://www.handbuch-lehrergesundheit.de).
 
Was bietet Ihnen der Leitfaden?
  • Hinweise zur Gestaltung eines erfolgreichen Schulentwicklungsprozesses in drei Phasen und acht Schritten
  • Gelingensbedingungen für die acht Schritte
  • Praxistools für die erfolgreiche Gestaltung der acht Schritte: Handlungsempfehlungen, Checklisten, Diagnosetools, Reflexionsfragen, Literaturtipps
  • Zusätzliche Instrumente und Praxistipps bietet die Internetversion des Leitfadens unter http://www.handbuch-lehrergesundheit.de
Dabei gilt allerdings: Der Leitfaden ist keinesfalls ein Rezept, das von Schulen „1:1“ umgesetzt werden kann. Vielmehr geht es darum, dass jede Schule im Lichte dieser Anregungen ihre eigenen Startbedingungen prüft und einen für sich passenden Entwicklungsprozess gestaltet.
Zielgruppen des Leitfadens
Der Leitfaden richtet sich primär an Schulen und hierbei insbesondere an Schulleitungen, Steuergruppen und andere für die Schulentwicklung Verantwortliche sowie an Gesundheitsförderung interessierte Personen. Der Leitfaden will Schulen dabei unterstützen, einen systematischen Entwicklungsprozess zu planen, zu initiieren, zu steuern und Erreichtes zu stabilisieren. Hierbei liegt der inhaltliche Fokus auf der Entwicklung guter gesunder Schulen, die Gesundheitsförderung und Qualitätsentwicklung vereinen.
Der Leitfaden kann zudem von externen Schulberaterinnen und Schulberatern genutzt werden. Er bietet darüber hinaus Hilfestellungen für Institutionen wie z. B. Krankenkassen, Berufsgenossenschaften oder Unfallversicherungsträger, die Projekte zur Gesundheitsförderung und Qualitätsentwicklung in Schulen durchführen. Diese können anhand der Gelingensbedingungen prüfen, inwieweit Vorhaben von Schulen erfolgversprechend sind und welchen spezifischen Unterstützungsbedarf die einzelnen Schulen haben.
Tipp
Nutzen Sie den „Kurz-Check zur Bestandsaufnahme“ für einen ersten Überblick: Welche der vorgestellten Gelingensbedingungen erfüllen Sie bereits in Ihrer Schule? Was ist neu für Sie? Wo möchten Sie ansetzen?