GELINGENSBEDINGUNG 15

Bedeutsamkeit und Stellenwert des Projekts überprüfen
Die Motivation zur Beteiligung am Veränderungsprozess bleibt erhalten, wenn neben dem Erzielen schneller Gewinne und der Würdigung der Projektaktiven die Ziele und Themen als bedeutsam erlebt werden und die Wichtigkeit des Projekts im Prozess sichtbar wird: „Kommuniziere die Vision für den Wandel!“ lautet der Auftrag an die Schulleitung. Es sollten unterschiedliche Kanäle und Anlässe genutzt werden, um die Vision als Kraftquelle für das Engagement im Kollegium und Richtungsgeber für den Wandelprozess im Bewusstsein der Lehrerinnen und Lehrer zu halten (vgl. die Gelingensbedingungen 2 und 10).
Haben Sie die wichtigen und dringlichen Themen ausgewählt?
In unseren Schulprojekten lässt sich immer wieder beobachten, dass Kollegien bei der Auswahl der Themen und Ziele für die Interventionsphase nicht die laut Diagnose oder Vision wichtigsten und brennenden Problembereiche berücksichtigen. Vor bestimmten Themen schrecken Schulen zurück, weil diese als zu konfliktbeladen und als wenig erfolgsträchtig erachtet werden oder sich eine Schule die Bearbeitung nicht zutraut, es also vermeintlich oder tatsächlich an Ressourcen und Kompetenzen fehlt. Stattdessen wird auf scheinbar leichter zu lösende und weniger konfliktreiche Handlungsfelder ausgewichen. Empirische Analysen aus unseren Projekten zeigen, dass dies dazu führen kann, dass in der Umsetzungsphase die Erfolgschancen und die Wirksamkeit des Projekts von der Schulgemeinschaft in Zweifel gezogen werden, da eben nicht die wichtigen Probleme der Schule bearbeitet werden. Dadurch schwinden der erlebte Nutzen des Projekts und somit auch die Motivation und das Engagement.
Daher sollte bereits bei der Auswahl der Handlungsfelder des Projekts darauf geachtet werden, dass die dringenden und schwerwiegenden Probleme Berücksichtigung finden. Dies ist Inhalt der Gelingensbedingung 5 in der Start- und Planungsphase in diesem Leitfaden. Aber auch im laufenden Prozess sollten sich die Schulleitung und die Steuergruppe gemeinsam mit den Projektaktiven regelmäßig die Zeit nehmen zu prüfen, ob in der Interventionsphase für die Schule und das Kollegium, die Schülerinnen und Schüler oder Eltern wichtige und bedeutsame Themen und Ziele bearbeitet werden.
Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen:
  • Welche Rolle spielt das Entwicklungsvorhaben in Ihrem Schulalltag?
  • Wie groß ist das Interesse an den vereinbarten Entwicklungszielen und -themen?
  • Wie zufrieden sind die Lehrerinnen und Lehrer mit der Themenwahl für den Entwicklungsprozess?
  • Wie hoch ist das Engagement zur Bearbeitung der vereinbarten Entwicklungsziele?
  • Finden Sie in der Schule Gelegenheiten, um sich über den Fortgang im Veränderungsprozess auszutauschen? Haben die Lehrkräfte Ihrer Schule Interesse an einem Informationsaustausch darüber?
Welchen Stellenwert hat Ihr Projekt in der Schule? Welche Unterstützung erfährt es durch die Schulleitung?
Ein einzelnes Entwicklungsvorhaben steht zumeist in Konkurrenz mit anderen Projekten und den alltäglichen Arbeitsaufgaben. Daher ist die Gefahr – gerade bei langfristigen Entwicklungsvorhaben – groß, dass es von anderen dringlichen Aufgaben verdrängt wird. Um dem entgegenzuwirken, ist es notwendig, dass das Projekt eine hohe Priorität besitzt und diese immer wieder herausgestellt wird. Es muss verdeutlicht werden, dass das Projekt nicht nur das Privatvergnügen einiger weniger ist, sondern von essentieller Bedeutung für die Entwicklung der Schule. Die Projektverantwortlichen sollten einen klaren Auftrag der Schulgemeinschaft haben, damit deutlich wird, dass ihr Engagement dem Wohlergehen der Schule dient und sie nicht nur ihre Privatinteressen befriedigen.
Von entscheidender Bedeutung ist die Unterstützung des Projekts durch die Schulleitung. Die Schulleitung muss die Wichtigkeit des Projekts und seine strategische Bedeutung immer wieder hervorheben und dies auch im Schulalltag zeigen, z. B. indem sie das Engagement der Projektaktiven würdigt. So kann zum einen die Motivation der Projektaktiven gestärkt und zum anderen einer schleichenden Entwertung des Projekts durch skeptische Dritte entgegengewirkt werden.
In der folgenden Tabelle finden Sie eine Übersicht, mit deren Hilfe Sie sich damit auseinander setzen können, ob Ihre Schule die bedeutsamen und wichtigen Themen und Ziele für den Veränderungsprozess ausgewählt hat und was Sie tun können, um die Bedeutsamkeit des Vorhabens sichtbar zu machen.
Indikatoren für mangelnde Akzeptanz eines Entwick­lungs­vorhabensHintergrund und Handlungsmöglichkeiten
Es beteiligen sich nur wenige Lehrkräfte an Projektgruppen.
Das kann unterschiedliche Ursachen haben. Vielleicht ist dem Kollegium der (persönliche und organisationale) Gewinn durch das Vorhaben nicht deutlich genug geworden oder im Prozess in den Hintergrund geraten. Was Sie in diesem Fall tun können, wird in der Gelingensbedingung 2 erläutert. Es kann aber auch daran liegen, dass die wichtigsten und brennenden Problembereiche nicht bearbeitet werden. Hier wäre es sinnvoll, den Interventionsprozess zu unterbrechen und noch einmal die Gelingensbedingungen aus der Startphase in den Blick zu nehmen. Was sind derzeit die wichtigen Themen in Ihrer Schule? Wurde eine ausreichende Zielklärung vorgenommen? Haben Sie die Ziele aus einer gemeinsam entwickelten Vision oder aufgrund von Diagnoseergebnissen abgeleitet? Konnten sich alle Betroffenen an der Ziel- und Themenfindung beteiligen und ihre Bedenken und Wünsche einbringen?
Grund für die mangelnde Beteiligung kann auch Überforderung sein. Die Lehrkräfte beteiligen sich z. B. nicht, weil sie glauben, nicht über ausreichende Kompetenzen zu verfügen, ihnen die Unterstützung von der Schulleitung fehlt, sie durch Misserfolge in früheren Projekten frustriert sind oder sie Angst vor den Konsequenzen, z. B. dem Aufbrechen kollegialer Konflikte, haben. Hier könnte es hilfreich sein, vor der Weiterarbeit am Vorhaben mögliche Ängste und Sorgen mit einer externen Moderation aufzuarbeiten und entsprechende Ressourcen, wie z. B. Fortbildungen, zur Verfügung zu stellen.
Viele Lehrkräfte stellen die Sinnhaftigkeit des Entwicklungs­vorhabens in Frage.
Dies deutet auf Zielkonflikte hin. Stehen die schulischen Handlungsziele in kritischer Konkurrenz zu den beruflichen und privaten Hauptaufgaben und Zielen der Lehrkräfte? Ist es in der Startphase nicht gelungen, sich im Diskurs auf gemeinsame Ziele zu verständigen? Anregungen zur Aufarbeitung von Zielkonflikten finden Sie in den Gelingensbedingungen 5 und 6.
Ist der Prozess der gemeinsamen Zielfindung nicht gelungen, kann die Kritik am Entwicklungsvorhaben auch innere Widerstände und Blockaden hervorrufen. Wenn sich diese im Interventionsprozess zeigen, sollte die Projektarbeit unterbrochen werden, um die Gründe für den Widerstand analysieren zu können. Hilfen dazu finden Sie in der Gelingensbedingung 10.
Das Entwicklungsvorhaben spielt im Schulalltag nur eine marginale Rolle.
Hier gilt es, die Bedeutung des Entwicklungsvorhabens immer wieder hervorzuheben. Reservieren Sie z. B. in jeder Konferenz einen Top auf der Tagesordnung für das Entwicklungsvorhaben, bei dem über Fortschritte und erzielte Erfolge berichtet werden kann. Die Schulleitung sollte öffentlich die Wichtigkeit des Entwicklungsvorhabens für die Schule betonen und deutlich machen, dass die Projektverantwortlichen im Auftrag der Schule handeln.
Vielleicht haben Sie sich aber auch bezüglich der zur Verfügung stehenden Ressourcen verschätzt? Spielt das Entwicklungsvorhaben deshalb keine Rolle, weil die Lehrkräfte keine Zeit zur Bearbeitung finden? Hier wäre es nützlich, mit Hilfe der Instrumente aus der Gelingensbedingung 12 zu klären, welche personellen und finanziellen Ressourcen für das Projekt zur Verfügung stehen und ob diese ausreichen. Sinnvoll könnte es auch sein, das Entwicklungsvorhaben in bearbeitbare Teilziele zu gliedern und einen längeren Zeitraum einzuplanen, um auch bei geringen Zeitressourcen Erfolge zu erzielen.
Praxistool
Das im Folgenden angebotene Instrument können Sie nutzen, wenn Sie im Prozess die Bedeutsamkeit und Wichtigkeit der gewählten Themen und Ziele überprüfen möchten.
Wer ist verantwortlich?
Verantwortlich ist die Schulleitung. Sie sollte die Sinnhaftigkeit der Ziele und Themen eines Entwicklungsvorhabens kritisch reflektieren – sowohl in der Planungs- als auch in der Umsetzungsphase. Sie muss gegebenenfalls auch die Entscheidung treffen, ein Entwicklungsvorhaben abzubrechen, wenn sich die verfolgten Ziele als nicht wichtig und dringlich genug erweisen.
Grafik: Gelingensbedingung 15, Instrument 1
Gelingensbedingung 15, Instrument 1
Bedeutsamkeit der Ziele prüfen
Ziel: Gewählte Ziele und Themen auf Bedeutsamkeit und Wichtigkeit hin prüfen sowie Handlungsansätze für die Stärkung der Bedeutsamkeit finden
So gehen Sie vor:
Bilden Sie eine Arbeitsgruppe. Die Gruppe sollte das Kollegium repräsentieren können. Achten Sie darauf, die Gruppe heterogen zu gestalten (ältere und jüngere Lehrkräfte, Männer und Frauen, verschiedene Fachrichtungen, Expertinnen und Experten für das Thema, Mitglieder der Schulleitung, der Steuergruppe, des Personalrats). Laden Sie auch Lehrkräfte zur Mitarbeit ein, die dem Entwicklungsvorhaben skeptisch gegenüber stehen oder die bereits in der Vergangenheit in größeren Projekten mitgearbeitet haben. Je nach Thema sollten auch Fachkräfte aus der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie sowie Schülerinnen, Schüler oder Eltern dabei sein.
Wenn Sie das Instrument bearbeitet haben, stellen Sie Ihre Ergebnisse dem Kollegium vor und besprechen Sie mit diesem das weitere Vorgehen:
  • Soll das Thema bzw. Ziel weiter bearbeitet werden?
  • Sollte Ihre Schule das Projekt vorerst stoppen und noch einmal an der Zielfindung arbeiten?
Schritt 1: Mit diesem Schritt prüfen Sie, ob Sie das Thema bzw. Ziel überhaupt weiter verfolgen sollen oder nicht. Ist das Ziel noch wichtig und dringlich? Füllen Sie die Tabelle 1 gemeinsam aus und diskutieren Sie in der Arbeitsgruppe Ihre Ergebnisse. Günstig ist es, die Tabelle auf eine Stellwand oder ein Whiteboard zu übertragen und die Diskussionsergebnisse festzuhalten. Schauen Sie auch noch einmal in die Gelingensbedingungen aus der Start- und Planungsphase in diesem Leitfaden. Hier finden Sie Instrumente und Anregungen.
Schritt 2: Wenn Sie entschieden haben, das Ziel weiter zu verfolgen, können Sie zum Schritt 2 übergehen. In diesem geht es darum, wie ein eigentlich bedeutsames Thema auch als solches wahrgenommen wird bzw. den entsprechenden Stellenwert in der Schule erhält. Bearbeiten Sie Tabelle 2 gemeinsam mit den Personen in der Schulgemeinschaft, die für das jeweilige Thema zuständig sind, z. B. mit den Moderatorinnen und Moderatoren der thematischen Projektgruppen. Die Ergebnisse sollten dokumentiert werden.
Tabelle 1
Thema/Ziel eintragen:
Wird das Projekt in der Schule von der Mehrheit als bedeutsam betrachtet? Für wen ist das Projekt wichtig und für wen nicht?Gibt es wichtigere/ drängendere Ziele und Themen? Lohnt sich der Aufwand für den zu erwartenden Nutzen?Mögliche Gründe für eine fehlende Bedeutsamkeit?Was können Sie nun tun? Welche Antworten finden Sie auf die Gründe für die fehlende Bedeutsamkeit?
    
Tabelle 2
Projekt/Thema/Ziel eintragen: 
Was wollen wir konkret tun, um den Stellenwert des Projekts zu stärken?Wer ist dafür verantwortlich?Wer ist daran beteiligt?Bis wann wird es getan?Welche zusätzlichen Ressourcen werden benötigt?
     
Wie geht es weiter?
Ging es in der Gelingensbedingung 15 um den Erhalt und die Herausstellung der Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des Themas bzw. Ziels für den Schulentwicklungsprozess, steht in der Gelingensbedingung 16 die Gruppe als Wandelmedium im Mittelpunkt. Welche Rolle spielt die Gruppenarbeit für die Entwicklung hin zu einer guten gesunden Schule? Es ist nicht nur wichtig – wie in den Gelingensbedingungen 5 und 6 beschrieben – in der Planungs- und Startphase gemeinsam Ziele für den Veränderungsprozess zu entwickeln. Darüber hinaus sollten diese Entwicklungs- und Handlungsziele im Laufe des Prozesses auch gemeinsam bearbeitet werden. Was benötigen diese Gruppen, um den Wandel erfolgreich zu initiieren? Welche Gruppenformen haben sich für Schulentwicklungsprozesse als nützlich erwiesen? Antworten und Hilfestellungen zu diesen und weiteren Fragen erhalten Sie im Folgenden.