GELINGENSBEDINGUNG 5

Dringliche und bedeutsame Entwicklungsziele entwickeln
In dieser Gelingensbedingung geht es um die Entwicklung von übergeordneten Zielen, die für Sie und Ihre Schule bedeutsam sind und die die Richtung des Veränderungsprozesses anzeigen können. Dabei ist zu beachten, dass alle Mitglieder der Schulgemeinschaft mehr oder weniger bewusste Änderungswünsche haben. Dieser Schritt dient also auch dazu, diese bewusst zu machen und darüber in zentralen Punkten einen Konsens zu entwickeln!
Ein Ziel ist die Festlegung auf einen von der Mehrheit gewünschten zukünftigen Zustand der Schule. Anlass für die Zielfindung kann die Erfüllung einer Vision bzw. eines besonders erstrebenswerten Soll-Zustands oder die Änderung eines unbefriedigenden Ist-Zustands sein. Ziele können eine gemeinsame Änderungsmotivation schaffen. Sie fokussieren durch die Bestimmung von Änderungswünschen und motivierenden Idealzuständen (Was schmerzt und was begeistert?). Ziele sind orientierungs- und identitätsstiftend. Attraktive, bedeutsame und gesunde Ziele können die Motivation der Beteiligten fördern – man weiß, wofür man sich einsetzt.
Ein nachhaltiger Veränderungsprozess lässt sich nur dann initiieren und erfolgreich umsetzen, wenn es gelingt, Ziele zu definieren, die für die Schule und die in ihr tätigen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler bedeutsam sind und zugleich dringlich für die Entwicklung der Organisation erlebt werden. In unseren Projekten zur Förderung von Gesundheit und Schulqualität hat sich gezeigt, dass diejenigen Schulen in der Regel erfolgreicher sind, deren Lehrkräfte von der Notwendigkeit der Änderungen überzeugt sind und Ziele des Projekts für wichtig und erreichbar halten. Dann entsteht die für den Erfolg solcher Schulentwicklungsprojekte unerlässliche Veränderungsbereitschaft – getragen von Überzeugung und Erfolgszuversicht.
Wie entstehen Ziele eigentlich?
Die Entstehungsgrundlage sind zunächst angenehme oder unangenehme Gefühle gegenüber sich selbst, aber auch gegenüber der Berufsarbeit. Aus einigen der Gefühle entwickeln sich bei ausreichender Intensität und häufigem Auftreten Annäherungswünsche: „Etwas möge eintreten bzw. beibehalten werden.“ oder Vermeidungswünsche: „Etwas möge nicht eintreten bzw. endlich aufhören.“ Aus einigen dieser Wünsche entwickeln sich dann Annäherungs- bzw. Vermeidungsziele, die das individuelle Handeln steuern. Menschen haben also laufend mehr oder weniger bewusste Änderungsziele, die nicht alle gleichzeitig umgesetzt werden können und zum Teil auch miteinander konkurrieren. Die Ziele können auf der individuellen (z. B. ich will mit dem Rauchen aufhören – gleichzeitig genieße ich die Raucherpausen) oder kollektiven (z. B. einige Kolleginnen/Kollegen möchten gern fächerübergreifend arbeiten – ich sehe nicht ein, dass ich meine tollen Unterrichtsentwürfe mit anderen teilen soll) Ebene zu Zielkonflikten führen. Deshalb ist es wichtig, die Zielfindung auf der individuellen und kollektiven Ebene stattfinden zu lassen. Dies dient dazu, vorhandene individuelle und kollektive Änderungswünsche und -ziele und damit potenzielle Zielkonflikte vorab bewusst zu machen und unterstützt dabei, den notwen­digen Konsens mit sich selbst und dem Kollegium zu finden.
Bedeutsame und dringliche Entwicklungsziele zu finden ist für Schulen nicht einfach: Schulen sind keine autonomen Organisationen, die ihre Ziele selbst bestimmen können. Formal-juristisch müssen sich Schulen an dem gesetzlich verankerten Bildungsauftrag und den damit einhergehenden Verordnungen orientieren. Sie haben komplexe Aufgaben zu bewältigen und eine Vielzahl an Bezugsgruppen mit zum Teil sehr unterschiedlichen oder sogar widersprüchlichen Interessen zu bedienen: Bildungspolitik und -administration, Krankenkassen, gesellschaftliche Interessenverbände (z.  B. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften), sowie Eltern, Schülerinnen und Schüler genauso wie Lehrerinnen und Lehrer. Sie alle stellen Forderungen an das schulische Bildungssystem und die einzelne Schule und haben Wunschvorstellungen davon, wie Schule sein und welche Ziele sie verfolgen sollte.
Wie kann es gelingen, den von Schulen zu erfüllenden Bildungsauftrag mit den für das Kollegium und die Schülerschaft bedeutsamen Zielen zu vereinbaren? Es bleibt weiterhin das gute Recht jedes Kollegiums, externe Ziele gesellschaftlicher Interessenverbände, Krankenkassen und anderer Organisationen in Frage zu stellen oder gar abzulehnen, wenn sie für die Entwicklung der Schule oder für die Mehrheit der Lehrkräfte nicht bedeutsam sind oder nicht zum aktuellen Veränderungsprozess passen. Der bessere Weg für die Schule wäre dann, gezielt nach Projekten, Partnern oder Initiativen zu suchen, deren Ziele mit den Zielen der Schule übereinstimmen.
Praxistool
In diesem Praxistool finden Sie verschiedene Instrumente. Mit dem ersten Instrument können Sie mögliche Zielkonflikte aufdecken und bearbeiten. Hier geht es vor allem um die Konflikte zwischen externen und internen Zielen. Mit dem zweiten Instrument können Sie gemeinsam Entwicklungsziele aus Ihrer Vision ableiten. Das dritte Instrument unterstützt Sie dabei zu prüfen, ob Ihre Entwicklungsziele bedeutsam und attraktiv sind. Sie können dieses Instrument auch nutzen, wenn Sie in einem kollegialen Prozess mehrere Entwicklungsziele gefunden haben und nun prüfen möchten, welche davon für Ihre Schule von besonderer Bedeutung sind.
Hinweise für den Prozess:
  • Gemeinsame Zielfindung im Kollegium bzw. in der Schule: Je partizipativer der Zielfindungsprozess abläuft, desto höher wird die Akzeptanz der Ziele und die Mitwirkungsbereitschaft sein. Es lohnt sich also, für die Zielklärung einen längeren Zeitraum einzuplanen und Methoden zu nutzen, die eine hohe Beteiligung ermöglichen.
  • Schulen sollten zeitgleich nicht an unbegrenzt vielen Entwicklungsszielen arbeiten, sondern sich auf einige wenige Ziele konzentrieren. Je langfristiger an bestimmten Entwicklungszielen gearbeitet wird, desto weniger Ziele sollten ausgewählt werden.
  • Ziele müssen im Prozess immer wieder überprüft und ggf. angepasst werden (vgl. die Gelingensbedingungen in Phase 2).
Wer ist verantwortlich?
Schulleitungen leiten das Kollegium dabei an, zu klaren gemeinsamen Zielvorstellungen zu gelangen. Schulleitungen initiieren damit den Prozess der Zielfindung und stellen Zeitfenster, Ressourcen und Strukturen für die Zielfindung und Zielumsetzung zur Verfügung. Ihre Aufgabe ist es aber auch, die Passung der schulischen Ziele zu den bildungspolitischen oder administrativen Vorgaben herzustellen bzw. diese Vorgaben ins Kollegium zu tragen.
In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, die Zielfindung vorab mit der Steuergruppe vorzubereiten oder mit einer externen Moderation durchzuführen.
Grafik: Gelingensbedingung 5, Instrument 1
Gelingensbedingung 5, Instrument 1
Zielkonflikte klären
Ziel: Unterschiedliche Zielvorstellungen identifizieren, Zielkonflikte aufdecken und bearbeiten
So gehen Sie vor:
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Bearbeiten Sie in der Schulleitung oder im Steuerkreis folgende Fragen.
 Ihre Antwort:
Bildungspolitische oder administrative Vorgaben: Welche externen Vorgaben hat Ihre Schule derzeit oder zukünftig zu beachten und umzusetzen? 
Selbstgewählte Ziele: Welche Ziele hat sich Ihre Schule bereits selbst gesetzt (z. B. aus der Vision, abgeleitete Ziele aus der Schulinspektion, Diagnose …)? 
Wünsche der Schulbeteiligten: Welche Wünsche gibt es im Kollegium, bei den Schülerinnen/Schülern, Eltern und nicht-unterrichtenden Personen? 
Gibt es Ziele, die Sie in der Vergangenheit verfolgt haben, welche sich im Lauf der Zeit verändert haben? Welche verän­derten Ziele verfolgt Ihre Schule derzeit? 
Werten Sie Ihre Ergebnisse aus. Extern vorgegebene Ziele sind oftmals nicht die eigenen Ziele. Sie zu verfolgen ruft daher auch wenig Engagement und Veränderungsbereitschaft hervor. Daher sollte versucht werden, externe Ziele mit eigenen als bedeutsam erlebten Zielen zu verknüpfen oder solche bedeutsamen Ziele ergänzend zu den eigenen Vorstellungen von einer guten gesunden Schule zu verfolgen.
Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen:
  • Welche der Ziele sind widersprüchlich?
  • Wo haben Sie auch bei externen Anforderungen und Vorgaben noch einen Handlungsspielraum? Wie können Sie auch solche Prozesse gesundheitsförderlich gestalten?
  • Wo sehen Sie für Ihre Schule Bedeutsamkeit? Wo und wie können Sie Bedeutsamkeit schaffen?
Stellen Sie Ihre Ergebnisse dem Kollegium vor. Je nach Umfang der festgestellten Zielkonflikte sollten Sie den Beteiligten Raum geben, darüber zu diskutieren und Lösungen zu finden. Tipp: Für die Klärung der Bedeutsamkeit von extern vorgegebenen Zielen können Sie auch das Instrument 3 nutzen.
Grafik: Gelingensbedingung 5, Instrument 2
Gelingensbedingung 5, Instrument 2
Im Workshop Ziele finden
Ziel: Aus kollegialen Wunschvorstellungen und Visionen Ziele ableiten
So gehen Sie vor:
Es bietet sich an, diese Methode in einem moderierten Prozess in kollegialen Kleingruppen anzuwenden, um möglichst viele Ideen zu gewinnen. Wenn Sie in Kleingruppen arbeiten, brauchen Sie Zeiträume, um die Arbeitsgruppenergebnisse vorzustellen, zu thematischen Schwerpunkten zu verdichten und zu diskutieren. Sie sollten auch gemeinsam Prioritäten setzen. Welche der Entwicklungsziele lassen sich schnell umsetzen, welche brauchen längere Zeiträume und besondere Ressourcen (vgl. Gelingensbedingung 12)? Für die Priorisierung können Sie auch Ihre Diagnoseergebnisse heranziehen. Wo zeichnet sich ein besonderer Handlungsbedarf ab, was sollte schnell geändert werden?
Beispiel:
Vision: Wie soll es aussehen?Entwicklungsziele: Wie kann die Vision Realität werden?Handlungsziele: Was soll konkret getan werden, um die Situation zu verbessern bzw. die Vision zu erreichen (s. Gelingensbedingung 6)?
„Wir wünschen uns eine Schule, in der wir mit Freude zur Arbeit gehen.“Das Schulgebäude soll ansprechend aussehen.
Eine Arbeitsgruppe entwickelt einen Vorschlag zur Gestaltung des Eingangs- und Außenbe­reichs der Schule.
Es wird ein Konzept zur farb­lichen Gestaltung des Lehrer­zimmers erstellt und umgesetzt.
Lehrkräfte sollen ihre Balance von Arbeit und Freizeit auch im Privaten einhalten können, damit sie morgens entspannt zur Schule kommen.
Schulmails werden nicht mehr nach 19 Uhr verschickt.
Die Organisation von Stunden­plangestaltung und Vertretungs­stunden wird optimiert.
Es sollen Gelegenheiten für einen kollegialen Austausch in angenehmer Atmosphäre geschaffen werden.Den nächsten Pädagogischen Tag beginnen wir mit einem gemeinsamen Frühstück und planen ausreichende Pausen zum Austausch ein.
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Vorlage zum Ausfüllen
Vision: Wie soll es aussehen?Entwicklungsziele: Wie kann die Vision Realität werden?Handlungsziele: Was soll konkret getan werden, um die Situation zu verbessern bzw. die Vision zu erreichen?
   
  
  
Grafik: Gelingensbedingung 5, Instrument 3
Gelingensbedingung 5, Instrument 3
Ziele auf Attraktivität, Bedeutsamkeit und Gesundheit prüfen
Ziel: Prüfung der Bedeutsamkeit von Entwicklungszielen, Priorisierung von Zielen (in Anlehnung an Methoden aus dem Portal http://www.iqesonline.net)
Ein weiteres Ziel dieses Instruments ist es, wirklich akzeptable Ziele auszuwählen und manche auch wieder zu verwerfen. Es geht also auch darum, das Kollegium vor Überforderung zu schützen.
So gehen Sie vor:
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Bilden Sie Arbeitsgruppen. Jede Arbeitsgruppe bearbeitet ein Entwicklungsziel. Diskutieren Sie die Ergebnisse im Kollegium.
Ziel eintragen:Ihre Antwort
Sinn und Zweck des Tuns
  • Wozu tun wir das?
  • Was an dem (ggf. extern vorgegebenen) Ziel ist für unsere Schule und für mich als Lehrkraft sinnvoll?
  • Worin besteht der konkrete Nutzen?
 
Adressaten des Ziels
  • Für wen tun wir das? (Diese Frage ist besonders wichtig bei extern vorgegebenen Zielen)
 
Gesundheitswirkungen
Führt das Ziel auch zu einer Verbesserung
  • der Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler,
  • der Lehrergesundheit,
  • der Schulqualität?
 
Ergebnis: Ist das Ziel attraktiv, bedeutsam und gesund? 
Wie geht es weiter?
Im nächsten Schritt geht es darum, aus Entwicklungszielen Handlungsziele zu gewinnen. Dafür liefert Ihnen die Gelingensbedingung 6 Methoden und Instrumente. Thematisiert wird auch die mögliche Konkurrenz beruflicher Ziele mit privaten Zielen. Sie erhalten Anregungen, wie es gelingen kann, dass sich die Lehrkräfte ihre individuellen Ziele und Wünsche bewusst machen und sich im Diskurs auf gemeinsame Ziele verständigen. Denn eine unzureichende Zielklärung und Zielbindung kann dazu führen, dass Veränderungen nicht durchgeführt oder nicht beibehalten werden.