GELINGENSBEDINGUNG 1

Nachhaltige Gesundheitsförderung als Schulentwicklungsprozess verstehen
Mit nachhaltiger Gesundheitsförderung ist gemeint, dass sich Gesundheitsförderung als dauerhafte Aktivität in den Schulen etabliert und in allen Entwicklungsprozessen berück­sichtigt wird. Strukturen und Prozesse sollen hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswir­kungen analysiert und zukunftsfähige Strukturen zur Gesundheitsförderung geschaffen werden.
Diese Leitidee ist als Kontrapunkt zu kurzfristigen, eng umrissenen Maßnahmen wie Gesundheitstagen, gesundem Frühstück, Lehrersport oder Pädagogischen Tagen zum Thema Lehrergesundheit zu verstehen. Die Wirkung solcher Maßnahmen ist zumeist nicht von Dauer, zumal viele dieser Maßnahmen ausschließlich auf die Veränderung der Lehrkräfte oder Schülerschaft zielen (Verhaltensprävention), die Bedingungen an der Schule aber außer Acht lassen (Verhältnisprävention). In Schulen findet sich eine Vielzahl solcher gut gemeinter und mit viel Engagement umgesetzter punktueller Maßnahmen. Sie folgen häufig willkürlich aufeinander und führen zur Unzufriedenheit bei den Beteiligten. Für eine nachhaltige Gesundheitsförderung werden andere Bedingungen in der Schule benötigt. Schulen müssen ihr Gesundheitsverständnis und ihre Vorstellungen von den gesundheits- und leistungsbeeinflussenden Faktoren prüfen und daraus ableiten, welche Entwicklungsschritte zu gehen sind.
Eine nachhaltige Gesundheitsförderung bedeutet also …
  • … die in einer Schule bestehenden Prozesse und Strukturen einer grundlegenden Prüfung hinsichtlich ihrer Gesundheitswirkung zu unterziehen und sie mit der Leitidee der guten gesunden Schule zu verknüpfen.
  • … auf diesem Wege auch ein Bewusstsein von der Bedeutung einer Verhältnisprävention zu schaffen.
  • … ein kritisches Reflektionspotential in Bezug auf die gesundheitsschädlichen und gesundheitsförderlichen Wirkungen von Kommunikations- und Kooperationsprozessen, hierarchischen Strukturen, Arbeitsbedingungen usw. zu haben und abschätzen zu können, welche gesundheitlichen Folgen von neuen Prozessen und Strukturen ausgehen.
  • … bei allen Maßnahmen die personalen und organisationalen Ressourcen im Blick zu haben, um das Kollegium vor der Selbstüberforderung zu schützen.
Schulen können grundsätzlich in drei sich ergänzenden Handlungsfeldern die Gesundheit der Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler fördern:
  1. Maßnahmen, die psychische Belastungen verringern, begrenzen oder gänzlich vermeiden helfen (Belastungsoptimierung). Diese Belastungen können sich u. a. aus der Arbeitsumgebung, der Arbeitsorganisation, der Qualität der Zusammenarbeit und der individuellen Bewertung des Verhältnisses von eigener Anstrengung und erzielter Anerkennung ergeben.
  2. Maßnahmen, die Ressourcen für die psychische Gesundheit stärken. Diese Ressourcen können persönliche Ressourcen sein (Qualifikationen, Gesundheitskompetenzen, belastbare Stimme u. a.), soziale Ressourcen (soziale Unterstützung) sowie organisationale Ressourcen (hoher Handlungsspielraum, mitarbeiterorientierte Führung, funktionierende Organisation und Strukturen).
  3. Maßnahmen, mit denen belastete oder (psychisch) erkrankte Lehrkräfte entlastet oder, bei einem längeren Ausfall, bei der Versorgung und Wiedereingliederung unterstützt werden.
Das Ziel einer Gesundheitsförderung des gesamten Schulpersonals wird hierbei mit dem Ziel der Erhaltung und Förderung der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft verbunden. Aus Sicht der Schule muss die Zielsetzung lauten, das Wohlbefinden, die psychische und physische Gesundheit, die Leistungsfähigkeit, die Arbeitsmotivation und das Engagement gleichzeitig zu fördern. Denn das primäre Ziel von Schule besteht darin, den Schülerinnen und Schülern eine Ausschöpfung ihrer Entwicklungspotentiale zu ermöglichen. Der Erfolg von Schulen misst sich an dem Lernerfolg und den Entwicklungsfortschritten ihrer Schülerinnen und Schüler. Gesundheitsförderung darf daher kein unabhängiges oder zusätzliches Ziel der Organisation Schule sein, sondern muss mit dem primären Ziel von Schulen vereinbar sein oder genauer gesagt: Gesundheitsförderung dient der Erreichung des Bildungs- und Erziehungsauftrags von Schulen. Nur gesunde und damit leistungsfähige und motivierte Lehrkräfte können ihren Beitrag zur Erreichung der Ziele ihrer Schule leisten.
Praxistool
Im Praxistool zur Gelingensbedingung 1 finden Sie zwei unterschiedliche Instrumente. Bei beiden Instrumenten geht es um eine Erfassung des Status Quo der Gesundheitsförderung an Ihrer Schule. Beim ersten Instrument sammeln Sie in einer offenen Abfrage alles, was Sie bisher an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung durchgeführt haben und bewerten dies dann kritisch auf die Wirkung und Nachhaltigkeit hin. Beim zweiten Instrument werden Ihnen Handlungsfelder des schulischen Gesundheitsmanagements vorgestellt. Es handelt sich um Fragen aus erprobten Instrumenten zur Erfassung des Gesundheitsmanagements in Schulen. Sie können damit prüfen, ob diese Handlungsfelder bereits an Ihrer Schule bearbeitet werden. Zudem werden Sie angeregt, zu einzelnen Handlungsfeldern aktiv zu werden.
Wer ist verantwortlich?
Gesundheitsförderung durch Schulentwicklung zu initiieren, ist die Aufgabe der Schulleitung. Das setzt natürlich voraus, dass die Schulleitung sich mit der Idee der gesundheitsförderlichen Schulentwicklung auseinandergesetzt hat. Zudem sollte sie ihr Verständnis von Gesundheit in der Schule bzw. von guten gesunden Lehrkräften reflektieren und auch ihr eigenes Gesundheitsverhalten in den Blick nehmen. Denn Schulleitungen haben hier Vorbildcharakter für das Gesundheitshandeln im Kollegium und beeinflussen durch ihren Führungsstil die Gesundheit aller Beteiligten (vgl. Einleitungsteil und Gelingensbedingung 3). Auch liegt es bei der Schulleitung, dem Kollegium die zeitlichen und personellen Ressourcen für die Auseinandersetzung mit gesundheitsförderlicher Schulentwicklung zur Verfügung zu stellen.
Grafik: Gelingensbedingung 1, Instrument 1
Gelingensbedingung 1, Instrument 1
Gesundheitsförderung im Kollegium abfragen
Ziel: Status Quo der bisher erfolgten Gesundheitsförderung in der Schule erfassen (Bestandsaufnahme)
So gehen Sie vor: Bitten Sie das Kollegium, einmal alles zu nennen, was an gesundheitsförderlichen Maßnahmen in den letzten zwei Jahren an Ihrer Schule durchgeführt wurde. Sie können das in Arbeitsgruppen sammeln lassen oder auf Zuruf im Plenum. Sie können auch für eine Woche ein Flipchart in das Lehrerzimmer hängen mit der Bitte an die Lehrkräfte, alle Maßnahmen zu notieren.
Drucker-Icon
Nach der Sammlung: Werten Sie die Maßnahmensammlung im Steuerkreis oder in einer Arbeitsgruppe mit folgender Matrix aus:
MaßnahmeWer wurde er­reicht (Ziel­gruppe)?Was hat sich verändert (Wirksamkeit)?Wie dauerhaft waren die Effekte (Nachhaltigkeit)?Wo setzte die Maß­nahme an, auf der Person­ebene oder auf der Organisa­tionsebene?
     
Im nächsten Schritt können Sie prüfen, wie zufrieden Sie mit Ihren bisherigen Aktivitäten sind und daraus Ziele ableiten. Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen:
  • Wo haben Sie bereits gute Grundlagen?
  • Was fehlt Ihnen, wo können Sie zukünftig ansetzen?
  • Inwieweit passen Ihre Aktivitäten zum Verständnis der guten gesunden Schule?
  • Wie passen Ihre bisherigen Aktivitäten zu Ihrer Vision einer guten gesunden Schule?
Grafik: Gelingensbedingung 1, Instrument 2
Gelingensbedingung 1, Instrument 2
Handlungsfelder zur Gesundheitsförderung klären
Ziel: Bisherige Aktivitäten im Bereich der Gesundheitsförderung prüfen und den Status Quo der Gesundheitsförderung bestimmen.
So gehen Sie vor:
Drucker-Icon
Die Fragen sollten am besten im Steuerkreis bearbeitet werden. Die Fragen können Ihnen auch dazu dienen, zu überlegen, wie Sie die Gesundheitsförderung noch stärker als Schulentwicklungsprozess anlegen können.
Werden diese Aspekte bereits an Ihrer Schule bearbeitet?Ja. Bitte kurz beschreiben und Beispiele nennen.Nein. Sollten wir das künftig ändern? Was können wir dazu tun?
Enthält das Schulprogramm Aussagen über die Gesundheitsförderung für Lehrkräfte und Schüler/innen?  
Ist die Gesundheitsförderung ein dauerhaftes Ziel an Ihrer Schule, an dem kontinuierlich gearbeitet wird?  
Ist die Gesundheitsförderung ein Thema in der Steuer- oder Schulleitungsgruppe?  
Hat die Gesundheit aller Personengruppen in der Schule einen hohen Stellenwert?  
Verfügt die Schule über Wissen zu gesundheitlichen Problemen und Belastungen Einzelner?  
Nimmt die Schule an Programmen/Maßnahmen externer Institutionen zur Gesundheitsförderung teil, arbeitet sie mit externen Expert/innen zusammen?  
Werden die Lehrkräfte und sonstigen Beschäftigten regelmäßig zu Themen des Gesundheitsmanagements in der Schule informiert?  
Wurden in den letzten beiden Jahren Themen der Gesundheitsförderung in der Fortbildungsplanung der Schule berücksichtigt?  
Werden bei allen Schulentwicklungsfragen die Auswir­kungen auf die Gesundheit der Beteiligten geprüft?  
Gibt es konkrete Absprachen zum Umgang mit Konflikten innerhalb des Kollegiums bzw. zwischen den Beschäftig­ten?  
Werden bei der Gestaltung des Unterrichts Prinzipien der Gesundheitsförderung berücksichtigt?  
Bestehen für Lehrkräfte, die aufgrund beruflicher/privater Beanspruchungen psychosozial belastet sind, Unter­stützungsangebote?  
Werden Lehrkräfte nach (psychischer) Krankheit bei der Wiedereingliederung in die Arbeit aktiv unterstützt?  
Gibt es für Schüler/innen Beratungsangebote und Möglichkeiten, gesundheitsbezogene Kompetenzen im Unterricht zu erwerben?  
Gibt es an der Schule ein aktives Krisenteam und wissen alle Lehrkräfte, wie sie sich in Krisen (z. B. suizidale Krisen Jugendlicher) verhalten sollen?  
Werden im Schulalltag gesundheitliche Belange berück­sichtigt, z. B. bei der Stundenplangestaltung, in Bezug auf Lärm im Lehrerzimmer oder bei der Länge und Häufigkeit der Konferenzen?  
Sind die Schulgebäude sicher, gut beleuchtet und bieten eine gute Atmosphäre zum Lernen und Arbeiten?  
Wird bei baulichen Maßnahmen darauf geachtet, dass sie gesundheits- und lernförderlich sind?  
Tipp
Die in der Spalte „Was können wir dazu tun?“ formulierten Ideen können Sie für die weitere Entwicklungsarbeit mit dem Leitfaden nutzen, z. B. für die Ableitung von Handlungsfeldern und Zielen in den Gelingensbedingungen 5 und 6.
 
Wie geht es weiter?
Nachdem Sie mit Hilfe der Gelingensbedingung 1 daran gearbeitet haben, im Kollegium und in der Schulleitung ein Verständnis von Gesundheitsförderung als nachhaltigem Schulentwicklungsprozess zu wecken, eine Bestandsaufnahme des Status Quo bezüglich der Gesundheitsförderung durchzuführen und dafür sensibilisiert wurden, die Gesundheitsförderung systematisch mit der Schulqualität zu verknüpfen, geht es im nächsten Schritt um die Entwicklung einer Vision. Was ist für Sie und Ihre Schule das Wunschbild einer guten gesunden Schule? Wie muss eine solche Schule aussehen? Sie erfahren in der Gelingensbedingung 2, welch große Bedeutung die Vision oder das Leitbild als Quelle der Veränderungsmotivation für den gesundheitsförderlichen Schulentwicklungsprozess hat und was Sie gemeinsam tun können, Ihren Traum einer guten gesunden Schule in Worte oder Bilder zu fassen und damit Ihrem Schulentwicklungsprozess eine Richtung zu geben.