Schritt 1: Wo wollen wir hin?

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Im ersten Schritt werden grundsätzliche Fragen angesprochen, die den gesamten Entwicklungsprozess beeinflussen können. Existiert ein gemeinsames Verständnis von den anzustrebenden Zielen? Meinen wir dasselbe, wenn wir über Gesundheit in der Schule sprechen? Welche Schule wünschen sich die Kolleginnen, Kollegen sowie die Schülerinnen, Schüler und Eltern, gibt es eine gemeinsame Vision oder sind es viele Einzelmeinungen und -interessen, aus denen sich nur schwerlich ein gemeinsames Ziel ableiten lässt? Und was hat die Gesundheitsförderung mit Schulentwicklung zu tun, geht das eine ohne das andere?
Im ersten Schritt des Leitfadens steht also die Richtung des Entwicklungsprozesses im Vordergrund. Sie erfahren, warum es notwendig ist, Gesundheitsförderung nicht als „Add-on“, als zusätzliches Ziel zu begreifen, sondern als Schulentwicklungsprozess und damit als Beitrag zur Erreichung des Bildungs- und Erziehungsauftrags Ihrer Schule. Ihnen wird die Bedeutung einer Vision von guter gesunder Schule als Treiber des gesundheitsförderlichen Schulentwicklungsprozesses vorgestellt. Sie können sich damit auseinandersetzen, wie Visionen zu Kraftquellen für das Kollegium werden und durch sie das Engagement und die Veränderungsbereitschaft gefördert werden können. Sie erhalten konkrete Hilfestellungen, wie Sie die Frage: „Wo wollen wir hin?“ mit Ihrem Kollegium gemeinsam beantworten können.

GELINGENSBEDINGUNG 1

Nachhaltige Gesundheitsförderung als Schulentwicklungsprozess verstehen
Mit nachhaltiger Gesundheitsförderung ist gemeint, dass sich Gesundheitsförderung als dauerhafte Aktivität in den Schulen etabliert und in allen Entwicklungsprozessen berück­sichtigt wird. Strukturen und Prozesse sollen hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswir­kungen analysiert und zukunftsfähige Strukturen zur Gesundheitsförderung geschaffen werden.
Diese Leitidee ist als Kontrapunkt zu kurzfristigen, eng umrissenen Maßnahmen wie Gesundheitstagen, gesundem Frühstück, Lehrersport oder Pädagogischen Tagen zum Thema Lehrergesundheit zu verstehen. Die Wirkung solcher Maßnahmen ist zumeist nicht von Dauer, zumal viele dieser Maßnahmen ausschließlich auf die Veränderung der Lehrkräfte oder Schülerschaft zielen (Verhaltensprävention), die Bedingungen an der Schule aber außer Acht lassen (Verhältnisprävention). In Schulen findet sich eine Vielzahl solcher gut gemeinter und mit viel Engagement umgesetzter punktueller Maßnahmen. Sie folgen häufig willkürlich aufeinander und führen zur Unzufriedenheit bei den Beteiligten. Für eine nachhaltige Gesundheitsförderung werden andere Bedingungen in der Schule benötigt. Schulen müssen ihr Gesundheitsverständnis und ihre Vorstellungen von den gesundheits- und leistungsbeeinflussenden Faktoren prüfen und daraus ableiten, welche Entwicklungsschritte zu gehen sind.
Eine nachhaltige Gesundheitsförderung bedeutet also …
  • … die in einer Schule bestehenden Prozesse und Strukturen einer grundlegenden Prüfung hinsichtlich ihrer Gesundheitswirkung zu unterziehen und sie mit der Leitidee der guten gesunden Schule zu verknüpfen.
  • … auf diesem Wege auch ein Bewusstsein von der Bedeutung einer Verhältnisprävention zu schaffen.
  • … ein kritisches Reflektionspotential in Bezug auf die gesundheitsschädlichen und gesundheitsförderlichen Wirkungen von Kommunikations- und Kooperationsprozessen, hierarchischen Strukturen, Arbeitsbedingungen usw. zu haben und abschätzen zu können, welche gesundheitlichen Folgen von neuen Prozessen und Strukturen ausgehen.
  • … bei allen Maßnahmen die personalen und organisationalen Ressourcen im Blick zu haben, um das Kollegium vor der Selbstüberforderung zu schützen.
Schulen können grundsätzlich in drei sich ergänzenden Handlungsfeldern die Gesundheit der Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler fördern:
  1. Maßnahmen, die psychische Belastungen verringern, begrenzen oder gänzlich vermeiden helfen (Belastungsoptimierung). Diese Belastungen können sich u. a. aus der Arbeitsumgebung, der Arbeitsorganisation, der Qualität der Zusammenarbeit und der individuellen Bewertung des Verhältnisses von eigener Anstrengung und erzielter Anerkennung ergeben.
  2. Maßnahmen, die Ressourcen für die psychische Gesundheit stärken. Diese Ressourcen können persönliche Ressourcen sein (Qualifikationen, Gesundheitskompetenzen, belastbare Stimme u. a.), soziale Ressourcen (soziale Unterstützung) sowie organisationale Ressourcen (hoher Handlungsspielraum, mitarbeiterorientierte Führung, funktionierende Organisation und Strukturen).
  3. Maßnahmen, mit denen belastete oder (psychisch) erkrankte Lehrkräfte entlastet oder, bei einem längeren Ausfall, bei der Versorgung und Wiedereingliederung unterstützt werden.
Das Ziel einer Gesundheitsförderung des gesamten Schulpersonals wird hierbei mit dem Ziel der Erhaltung und Förderung der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft verbunden. Aus Sicht der Schule muss die Zielsetzung lauten, das Wohlbefinden, die psychische und physische Gesundheit, die Leistungsfähigkeit, die Arbeitsmotivation und das Engagement gleichzeitig zu fördern. Denn das primäre Ziel von Schule besteht darin, den Schülerinnen und Schülern eine Ausschöpfung ihrer Entwicklungspotentiale zu ermöglichen. Der Erfolg von Schulen misst sich an dem Lernerfolg und den Entwicklungsfortschritten ihrer Schülerinnen und Schüler. Gesundheitsförderung darf daher kein unabhängiges oder zusätzliches Ziel der Organisation Schule sein, sondern muss mit dem primären Ziel von Schulen vereinbar sein oder genauer gesagt: Gesundheitsförderung dient der Erreichung des Bildungs- und Erziehungsauftrags von Schulen. Nur gesunde und damit leistungsfähige und motivierte Lehrkräfte können ihren Beitrag zur Erreichung der Ziele ihrer Schule leisten.
Praxistool
Im Praxistool zur Gelingensbedingung 1 finden Sie zwei unterschiedliche Instrumente. Bei beiden Instrumenten geht es um eine Erfassung des Status Quo der Gesundheitsförderung an Ihrer Schule. Beim ersten Instrument sammeln Sie in einer offenen Abfrage alles, was Sie bisher an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung durchgeführt haben und bewerten dies dann kritisch auf die Wirkung und Nachhaltigkeit hin. Beim zweiten Instrument werden Ihnen Handlungsfelder des schulischen Gesundheitsmanagements vorgestellt. Es handelt sich um Fragen aus erprobten Instrumenten zur Erfassung des Gesundheitsmanagements in Schulen. Sie können damit prüfen, ob diese Handlungsfelder bereits an Ihrer Schule bearbeitet werden. Zudem werden Sie angeregt, zu einzelnen Handlungsfeldern aktiv zu werden.
Wer ist verantwortlich?
Gesundheitsförderung durch Schulentwicklung zu initiieren, ist die Aufgabe der Schulleitung. Das setzt natürlich voraus, dass die Schulleitung sich mit der Idee der gesundheitsförderlichen Schulentwicklung auseinandergesetzt hat. Zudem sollte sie ihr Verständnis von Gesundheit in der Schule bzw. von guten gesunden Lehrkräften reflektieren und auch ihr eigenes Gesundheitsverhalten in den Blick nehmen. Denn Schulleitungen haben hier Vorbildcharakter für das Gesundheitshandeln im Kollegium und beeinflussen durch ihren Führungsstil die Gesundheit aller Beteiligten (vgl. Einleitungsteil und Gelingensbedingung 3). Auch liegt es bei der Schulleitung, dem Kollegium die zeitlichen und personellen Ressourcen für die Auseinandersetzung mit gesundheitsförderlicher Schulentwicklung zur Verfügung zu stellen.
Grafik: Gelingensbedingung 1, Instrument 1
Gelingensbedingung 1, Instrument 1
Gesundheitsförderung im Kollegium abfragen
Ziel: Status Quo der bisher erfolgten Gesundheitsförderung in der Schule erfassen (Bestandsaufnahme)
So gehen Sie vor: Bitten Sie das Kollegium, einmal alles zu nennen, was an gesundheitsförderlichen Maßnahmen in den letzten zwei Jahren an Ihrer Schule durchgeführt wurde. Sie können das in Arbeitsgruppen sammeln lassen oder auf Zuruf im Plenum. Sie können auch für eine Woche ein Flipchart in das Lehrerzimmer hängen mit der Bitte an die Lehrkräfte, alle Maßnahmen zu notieren.
Drucker-Icon
Nach der Sammlung: Werten Sie die Maßnahmensammlung im Steuerkreis oder in einer Arbeitsgruppe mit folgender Matrix aus:
MaßnahmeWer wurde er­reicht (Ziel­gruppe)?Was hat sich verändert (Wirksamkeit)?Wie dauerhaft waren die Effekte (Nachhaltigkeit)?Wo setzte die Maß­nahme an, auf der Person­ebene oder auf der Organisa­tionsebene?
     
Im nächsten Schritt können Sie prüfen, wie zufrieden Sie mit Ihren bisherigen Aktivitäten sind und daraus Ziele ableiten. Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen:
  • Wo haben Sie bereits gute Grundlagen?
  • Was fehlt Ihnen, wo können Sie zukünftig ansetzen?
  • Inwieweit passen Ihre Aktivitäten zum Verständnis der guten gesunden Schule?
  • Wie passen Ihre bisherigen Aktivitäten zu Ihrer Vision einer guten gesunden Schule?
Grafik: Gelingensbedingung 1, Instrument 2
Gelingensbedingung 1, Instrument 2
Handlungsfelder zur Gesundheitsförderung klären
Ziel: Bisherige Aktivitäten im Bereich der Gesundheitsförderung prüfen und den Status Quo der Gesundheitsförderung bestimmen.
So gehen Sie vor:
Drucker-Icon
Die Fragen sollten am besten im Steuerkreis bearbeitet werden. Die Fragen können Ihnen auch dazu dienen, zu überlegen, wie Sie die Gesundheitsförderung noch stärker als Schulentwicklungsprozess anlegen können.
Werden diese Aspekte bereits an Ihrer Schule bearbeitet?Ja. Bitte kurz beschreiben und Beispiele nennen.Nein. Sollten wir das künftig ändern? Was können wir dazu tun?
Enthält das Schulprogramm Aussagen über die Gesundheitsförderung für Lehrkräfte und Schüler/innen?  
Ist die Gesundheitsförderung ein dauerhaftes Ziel an Ihrer Schule, an dem kontinuierlich gearbeitet wird?  
Ist die Gesundheitsförderung ein Thema in der Steuer- oder Schulleitungsgruppe?  
Hat die Gesundheit aller Personengruppen in der Schule einen hohen Stellenwert?  
Verfügt die Schule über Wissen zu gesundheitlichen Problemen und Belastungen Einzelner?  
Nimmt die Schule an Programmen/Maßnahmen externer Institutionen zur Gesundheitsförderung teil, arbeitet sie mit externen Expert/innen zusammen?  
Werden die Lehrkräfte und sonstigen Beschäftigten regelmäßig zu Themen des Gesundheitsmanagements in der Schule informiert?  
Wurden in den letzten beiden Jahren Themen der Gesundheitsförderung in der Fortbildungsplanung der Schule berücksichtigt?  
Werden bei allen Schulentwicklungsfragen die Auswir­kungen auf die Gesundheit der Beteiligten geprüft?  
Gibt es konkrete Absprachen zum Umgang mit Konflikten innerhalb des Kollegiums bzw. zwischen den Beschäftig­ten?  
Werden bei der Gestaltung des Unterrichts Prinzipien der Gesundheitsförderung berücksichtigt?  
Bestehen für Lehrkräfte, die aufgrund beruflicher/privater Beanspruchungen psychosozial belastet sind, Unter­stützungsangebote?  
Werden Lehrkräfte nach (psychischer) Krankheit bei der Wiedereingliederung in die Arbeit aktiv unterstützt?  
Gibt es für Schüler/innen Beratungsangebote und Möglichkeiten, gesundheitsbezogene Kompetenzen im Unterricht zu erwerben?  
Gibt es an der Schule ein aktives Krisenteam und wissen alle Lehrkräfte, wie sie sich in Krisen (z. B. suizidale Krisen Jugendlicher) verhalten sollen?  
Werden im Schulalltag gesundheitliche Belange berück­sichtigt, z. B. bei der Stundenplangestaltung, in Bezug auf Lärm im Lehrerzimmer oder bei der Länge und Häufigkeit der Konferenzen?  
Sind die Schulgebäude sicher, gut beleuchtet und bieten eine gute Atmosphäre zum Lernen und Arbeiten?  
Wird bei baulichen Maßnahmen darauf geachtet, dass sie gesundheits- und lernförderlich sind?  
Tipp
Die in der Spalte „Was können wir dazu tun?“ formulierten Ideen können Sie für die weitere Entwicklungsarbeit mit dem Leitfaden nutzen, z. B. für die Ableitung von Handlungsfeldern und Zielen in den Gelingensbedingungen 5 und 6.
 
Wie geht es weiter?
Nachdem Sie mit Hilfe der Gelingensbedingung 1 daran gearbeitet haben, im Kollegium und in der Schulleitung ein Verständnis von Gesundheitsförderung als nachhaltigem Schulentwicklungsprozess zu wecken, eine Bestandsaufnahme des Status Quo bezüglich der Gesundheitsförderung durchzuführen und dafür sensibilisiert wurden, die Gesundheitsförderung systematisch mit der Schulqualität zu verknüpfen, geht es im nächsten Schritt um die Entwicklung einer Vision. Was ist für Sie und Ihre Schule das Wunschbild einer guten gesunden Schule? Wie muss eine solche Schule aussehen? Sie erfahren in der Gelingensbedingung 2, welch große Bedeutung die Vision oder das Leitbild als Quelle der Veränderungsmotivation für den gesundheitsförderlichen Schulentwicklungsprozess hat und was Sie gemeinsam tun können, Ihren Traum einer guten gesunden Schule in Worte oder Bilder zu fassen und damit Ihrem Schulentwicklungsprozess eine Richtung zu geben.

GELINGENSBEDINGUNG 2

Gemeinsame Vorstellung einer guten gesunden Schule entwickeln
Eine Vision ist das Wunschbild von einem zu erreichenden Sollzustand in der Zukunft. Visionen helfen, dem Wandel Richtung und Dynamik zu geben:
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer!“ (Antoine de Saint-Exupéry).
Die Vision ist noch kein Ziel. Das Ziel für den Entwicklungsprozess ergibt sich erst aus der Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand und beinhaltet die Vorstellung, auf welchem Wege diese Diskrepanz verringert werden kann (vgl. Gelingensbedingungen 4, 5 und 6).
Auf die Frage, was für sie eine gute gesunde Schule sei, antworten Lehrerinnen und Lehrer häufig: Eine Schule, …
  • … in die ich mit einem Lachen hineingehe und in der es Freude macht zu arbeiten.
  • … in der ich mich wertgeschätzt fühle.
In den Antworten drücken sich Grundbedürfnisse von Menschen aus: Das sind neben den Bedürfnissen nach Gestaltungsfreiräumen und dem Erleben eigener Kompetenz und Wirksamkeit vor allem auch soziale Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Wertschätzung der eigenen Person. Die meisten Menschen wollen Teil einer Gemeinschaft sein, in der sie Unterstützung, Wertschätzung und Anerkennung erfahren. Dies wiederum ist das Kernstück einer guten gesunden Schule.
Die Frage danach, was eine gute gesunde Schule auszeichnet, kann der Grundstein für die Entwicklung einer Vision von guter gesunder Schule sein. Dies gilt vor allem dann, wenn weitergefragt wird: Wie muss denn eine Schule aussehen, in der ich mit Freude arbeite? Und wie sehen es die anderen im Kollegium, haben sie ähnliche Vorstellungen einer guten gesunden Schule?
Tipp
Viele Schulen haben bereits Schulprogramme oder andere Strategiepapiere entwickelt. Mit den Instrumenten dieser Gelingensbedingung können solche Unterlagen unter Gesundheitsaspekten geprüft werden. Wurde ein Schulprogramm eher auf Druck von außen, z. B. einer Schulbehörde, entwickelt, spiegelt es zumeist nicht die Wünsche und Vorstellungen des Kollegiums wider und wird auch nur selten umgesetzt. Es macht in solchen Fällen Sinn, die vorhandene Schulvision zu schärfen bzw. zu überarbeiten und die eigenen Vorstellungen von einer guten gesunden Schule einzuarbeiten.
 
Aus der Forschung wissen wir, dass die Veränderungsbereitschaft einer Organisation sich erhöht, wenn (1) eine überlebensbedrohende Funktions- oder Anpassungsstörung sichtbar wird, die eine Anpassung unumgänglich macht, oder wenn (2) eine Vision vermittelt wird, die die Anstrengung eines Wandels lohnenswert erscheinen lässt. Beide Quellen der Veränderungsmotivation zu verknüpfen ist besonders wirkungsvoll: Die Unzulänglichkeiten des Ist-Zustands und die Attraktivität eines Soll-Zustands.
Visionen vermitteln Sinnhaftigkeit, geben Orientierung und sind identitätsstiftend. Eine Vision bildet etwas ab, was noch nicht erreicht ist. Hierin liegt auch die Kraft der Vision: Wenn es dem Kollegium gelingt, gemeinsam eine Vision von guter gesunder Schule zu entwickeln und zu verschriftlichen, für die es sich lohnt, Anstrengungen auf sich zu nehmen und bei der deutlich wird, dass sie Realität werden kann, kann eine kollektive Veränderungsbereitschaft entstehen.
Für die Personal- und Schulentwicklung sind drei Visionen/Leitbilder entscheidend:
  • Das individuelle Lebensleitbild als Vision vom eigenen sinnvollen und guten Leben
  • Das berufliche Leitbild als Vision von einer guten gesunden Lehrperson bzw. einer guten gesunden Schulleitung
  • Das Schulleitbild als Vision von einer guten gesunden Schule
Jeder Mensch hat mehr oder weniger prägnante und bewusste Leitbilder, die ihn motivieren, bestimmte Handlungen zu tun und andere zu unterlassen. Solche Leitbilder zeigen die Entwicklungsrichtung – sie können aber auch zur Selbstüberforderung werden, wenn die Vision sehr hoch gesteckt ist oder zu Unzufriedenheit führen, wenn das Leitbild nicht gelebt wird. Es gilt also, realisierbare Leitbilder zu entwickeln und die Schulvision mit den Lebens- und beruflichen Leitbildern der verschiedenen Lehrkräfte einer Schule weitestgehend in Einklang zu bringen. Dann kann die motivierende Kraft einer geteilten und von vielen als bedeutsam erachteten Vision entstehen.
Eine gemeinsam getragene Vision mit einer klaren ableitbaren Zielsetzung kann eine Kraftquelle für ein Kollegium sein und gleichzeitig die emotionale Verbundenheit mit der Schule als Arbeitsort stärken. In der Forschung nennt man diese emotionale Verbundenheit auch affektives Commitment. Studien zeigen: Affektives Commitment fördert die Gesundheit durch Sinnvermittlung und das Erleben von Zugehörigkeit. Personen mit hohem affektiven Commitment identifizieren sich mit den Werten und Zielen ihrer Organisation und gehören ihr gern an. Ihnen liegt das Wohlergehen ihrer Organisation am Herzen. Sie sind eher bereit, sich in Veränderungsvorhaben zu engagieren, die dem Erfolg der Organisation dienen, da sie sich mit der Organisation identifizieren (Iverson, 1996). Personen mit hoher emotionaler Bindung sind dabei oft auch bereit, Verschlechterungen der eigenen Situation hinzunehmen, wenn die Organisation insgesamt profitiert.
Leitfragen für das Entwickeln einer Vision sind:
  • Was hätten wir an unserer Schule gern anders?
  • Wie wünschen wir uns unsere Schule zukünftig?
  • Was können wir aus eigener Kraft verändern?
Im folgenden Praxistool erhalten Sie Anregungen, um im Kollegium ein gemeinsames Verständnis bzw. eine Vision von guter gesunder Schule zu entwickeln. In den weiteren Gelingensbedingungen finden Sie Anregungen, wie Sie aus der Vision konkrete und zeitnah zu realisierende Ziele ableiten können: In der Gelingensbedingung 5 bestimmen Sie eine begrenzte Anzahl eng umrissener Entwicklungsziele und in der Gelingensbedingung 6 entwickeln Sie „smarte“ Ziele für das jeweilige Entwicklungsvorhaben.
Praxistool
Im Praxistool zur Gelingensbedingung 2 finden Sie zwei Instrumente mit unterschiedlichen Methoden, aber gleichem Ziel: Die Entwicklung einer Vision oder eines Leitbilds für die Schulentwicklungsarbeit. Bei beiden Instrumenten sollte das gesamte Kollegium beteiligt werden, um möglichst alle Sichtweisen einer guten gesunden Schule zu erfassen und gemeinsam die Vision zu entwickeln. Das erste Instrument ist fragebogengestützt, das zweite folgt der Workshop-Methode. Tipp: Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kollegium Unterstützung bzw. inhaltliche Anregungen braucht, bietet sich der Fragebogen an. Mit diesem setzen Sie sich mit den Kernaussagen zur guten gesunden Schule auseinander. Für kleinere Kollegien oder solche, die es gewohnt sind, in Arbeitsgruppen konstruktiv zusammen zu arbeiten, bietet sich die Workshop-Methode an. Diese ist allerdings zeitintensiver als der Fragebogen.
Hinweise für beide Instrumente:
Eine Vision sollte prägnant sein und sich auf wenige zentrale Zielvorstellungen konzentrieren, die Orientierung geben und Motivation wecken. Die Vision sollte Sie während des Veränderungsprozesses begleiten. Es ist deshalb sinnvoll, eine möglichst bildliche Darstellung Ihrer Vision im Lehrerzimmer oder an einer zentralen Stelle im Schulgebäude aufzuhängen. Bei dem Bild sollte noch Platz bleiben, um im laufenden Prozess Ergänzungen vornehmen zu können. Im weiteren Verlauf des Entwicklungsprozesses ist es hilfreich, immer wieder auf die Vision Bezug zu nehmen und sich z. B. in schwierigen Zeiten vor Augen zu führen, warum sich die Anstrengungen lohnen.
Zeigt sich bei der Visionsentwicklung, dass in der Schule sehr unterschiedliche Vorstellungen von einer idealen Schule herrschen, sollte ein Diskurs über die unterschiedlichen und die gemeinsamen Vorstellungen begonnen werden. Dies hilft dabei, später die Ziele zu identifizieren, die das Fundament für gemeinschaftliche Anstrengungen bilden können.
Sollen Schülerinnen, Schüler oder Eltern in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, kann parallel mit dem Instrument 2 eine eigene Schüler- bzw. Elternvision entwickelt werden, die im Anschluss mit der Lehrervision zu einer gemeinsamen Schulvision zusammengeführt wird. Alternativ können auch Vertreter dieser Gruppen bei der kollegialen Visionsbildung mitwirken.
Wer ist verantwortlich?
Die Verantwortung für die Initiierung einer Vision von guter gesunder Schule liegt bei der Schulleitung. Das gilt vor allem dann, wenn die Vision Eingang in das Schulprogramm finden soll. Aufgabe des Kollegiums ist es, am Prozess aktiv mitzuwirken und eigene Vorstellungen einzubringen, aber auch Wünsche und Ideale anderer zu akzeptieren und zum Konsens bereit zu sein. Es kann in manchen Schulen sinnvoll sein, die Erarbeitung der Vision mit Hilfe einer externen Moderation durchzuführen. Dies ist z. B. dann anzuraten, wenn die Schule wenig Erfahrung mit solchen Prozessen hat oder Gruppen mit unterschiedlichen Auffassungen existieren (Konfliktpotential im Kollegium).
Grafik: Gelingensbedingung 2, Instrument 1
Gelingensbedingung 2, Instrument 1
Fragebogengestützt eine Vision von guter gesunder Schule entwickeln
Ziel: Sich mit den Kernmerkmalen von guter gesunder Schule auseinandersetzen. Schaffung einer Diskussionsgrundlage für die Entwicklung einer gemeinsamen Vision.
So gehen Sie vor:
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Es empfiehlt sich, die folgenden Fragen zuerst individuell von jeder Lehrperson ausfüllen zu lassen und dann im Kollegium übereinstimmende Punkte darin zu finden: Was stellen Sie sich gemeinsam unter der guten gesunden Schule vor? Was ist Ihnen besonders wichtig?
(1) Bitte denken Sie über die folgenden Aspekte nach.
(2) Wählen Sie im Anschluss die drei Aspekte aus, die für Sie am wichtigsten sind und kennzeichnen Sie diese mit einem Stern *.
Eine gute gesunde Schule ist für mich eine Schule,…
Wie wichtig ist dieser Aspekt für Sie?
… an der ich mich wohlfühle (an der ich z. B. gern und mit Freude arbeite). 
… in der ich meine Fähigkeiten und Möglichkeiten entfalten kann (an der ich gefordert und gefördert werde). 
… die mich als Individuum wahrnimmt (z. B. Rücksicht nimmt auf persönliche Problemlagen oder meine Fähigkeiten wertschätzt). 
… die mir Gelegenheit gibt, mich als wirksam zu erleben (z. B. durch Rückmeldungen zur Qualität meiner Arbeit). 
… die meine Mitarbeit schätzt und würdigt (in Projekten, Schulentwick­lungsvorhaben etc.). 
… die mir die Möglichkeit gibt, mich als Teil des Ganzen zu erleben. 
.. an der Verschiedenheit als Bereicherung empfunden wird (im Kollegium, in der Elternschaft und Schülerschaft). 
… die durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang geprägt ist (von Lehrer/innen und Schüler/innen untereinander und mitei­nander). 
… die mich ermutigt, berufliche Probleme und Schwierigkeiten anzu­gehen und zu lösen (z. B. durch kollegiale Supervision oder durch Fortbildungen zum Umgang mit Schüler/innen und Eltern). 
… die mich fördert, wenn ich die Verantwortung für meine Gesundheit übernehme (z. B. im Umgang mit Berufsanforderungen, gesundheits­bezogene Fortbildungen). 
… die sich an gesundheitsförderlichen Unterrichts- und Lernprinzipien orientiert. 
… die mit gezielten Programmen wichtige Gesundheitskompetenzen bei Lehrpersonen und Schüler/innen fördert (z. B. Stressbewältigung, Entspannung, Bewegung, Ernährung, Suchtprävention). 
… die sich durch hohe Leistungsfähigkeit auszeichnet. 
… die durch eine sichere Gestaltung die Angst vor Unfällen und Gesundheitsschäden nimmt. 
… in der das Schulgebäude, das Außengelände und die Lernräume ansprechend und sauber sind. 
… die durch eine gute Schulorganisation die Bewältigung meiner Arbeit erleichtert. 
… die eine entlastende Kooperation der Lehrpersonen untereinander pflegt. 
… die Entlastung durch die Zusammenarbeit mit externen Fachleuten schafft. 
Auswertung:
  • Übertragen Sie zunächst die Tabelle auf ein Flipchart oder eine Stellwand. Bitten Sie alle Kolleginnen und Kollegen, ihre drei bedeutsamsten Aspekte auf der gemeinsamen Tabelle mit Sternchen oder Klebepunkten zu markieren.
  • Zählen Sie die Markierungen und stellen Sie eine Rangreihe der am häufigsten genannten Aspekte auf. Versehen Sie die Top 3 (alternativ die Top 4 oder Top 5) zusätzlich mit einem großen Stern.
Reflexionsfragen:
  • Was zeigt das Ergebnis?
  • Was sind die für Ihr Kollegium wichtigsten Merkmale einer guten gesunden Schule?
Diskussion im Kollegium:
  • Geben Sie den Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, sich zu den Ergebnissen in kleinen Gruppen auszutauschen (ca. 15-20 Minuten).
  • Im Anschluss sollten Ideen und Änderungswünsche des Kollegiums zunächst gesammelt, ggf. kurz diskutiert und anschließend abgestimmt werden.
  • Die Vision kann anschließend vom Steuerkreis ausformuliert und dem Kollegium in der nächsten Lehrerkonferenz zur Abstimmung vorgelegt werden.
Grafik: Gelingensbedingung 2, Instrument 2
Gelingensbedingung 2, Instrument 2
Im Workshop eine Vision entwickeln
Ziel: individuelle Leitbilder zur guten gesunden Schule kennenlernen und sich darüber austauschen. In einem kreativen Prozess Gemeinsamkeiten identifizieren und eine Vision entwickeln.
Dieses Instrument ist eine Alternative zum Fragebogen (Instrument 1).
So gehen Sie vor:
Je nach Vorerfahrung in der Schule sowie den Interessen und Bedürfnissen der Einzelpersonen kann es hilfreich sein, mit einem kurzen Austausch bzw. einem kleinen Input zur Bedeutung einer guten gesunden Schule zu beginnen.
Nehmen Sie sich dann mindestens zwei Stunden Zeit. Bitten Sie die Kolleginnen und Kollegen, sich vorzustellen, wie eine gute gesunde Schule für sie aussieht. Woran erkennt man, ob eine Schule eine gute gesunde Schule ist? Bitten Sie z. B. darum, den Satz „Eine gute gesunde Schule ist für mich …“ zu vervollständigen und dies auf eine Karte zu schreiben.
  • Lassen Sie dann in Gruppen zu den gefundenen Merkmalen guter gesunder Schulen diskutieren. Bitten Sie die Gruppen, ihr Ergebnis zu visualisieren.
  • Sammeln Sie die Gruppenergebnisse auf Stellwänden. Versuchen Sie nun, die Ergebnisse thematisch zu bündeln. Legen Sie inhaltlich gleiche Merkmale zusammen und entwickeln Sie einen Oberbegriff für diese.
Der nächste Schritt kann von der Steuergruppe oder einer Arbeitsgruppe durchgeführt werden: Formulieren Sie aus den Merkmalen eine Schulvision und stimmen Sie diese mit dem Lehrerkollegium ab. Es empfiehlt sich, vor der Abstimmung noch einmal Raum zum Austausch in Kleingruppen für weitere Ideen und Änderungswünsche zu geben. Tipp: Visualisieren Sie das Ergebnis, z. B.: Blume/Baum: Je Merkmal guter gesunder Schule ein Blütenblatt/Ast
Geben Sie der Vision einen sichtbaren Platz im Lehrerzimmer/Schulgebäude.