5   Einsatz persönlicher Schutzausrüstungen gegen Absturz

5.1   Allgemeine Anforderungen

Persönliche Schutzausrüstungen zum Schutz gegen Absturz werden in einem Auffangsystem so kombiniert und eingesetzt, dass:
  • der ausgewählte Anschlagpunkt/die Anschlagkonstruktion die bei einem Absturz auftretenden Fangkräfte sicher aufnehmen kann,
  • ausschließlich Auffanggurte zum Einsatz kommen,
  • das Auffangsystem eine Fall dämpfende Funktion besitzt,
  • die mögliche Fallhöhe auf kleiner vier Meter begrenzt ist und
  • elektrische Gefährdungen vermieden werden.
Anschlagpunkte sind dann geeignet, wenn sich das befestigte Auffangsystem nicht von der Anschlageinrichtung lösen kann und die Tragfähigkeit für eine Person entweder nach den technischen Baubestimmungen für eine statische Einzellast von 6 kN mit einem Teilsicherheitsbeiwert (γ F = 1,25 oder durch Prüfung – zweimaliger Belastungsversuch in Benutzungsrichtung mit 7,5 kN bei einer Dauer von 5 Minuten – nachgewiesen ist.
Für jede weitere Person ist die charakteristische Einzellast um 1 kN zu erhöhen.
Haltegurte sind als Bestandteil in einem Auffangsystem generell verboten.
Steigbolzen und Sprossen von Steigleitern sowie Geländer erfüllen in der Regel die vorgenannten Anforderungen nicht und sind somit keine Anschlagpunkte.
Anschlagpunkte werden, soweit möglich, oberhalb des Mitarbeiters gewählt, um die mögliche Absturzhöhe in die PSAgA so gering wie möglich zu halten.
Abb. 14
Der Anschlagpunkt muss stets so gewählt werden, dass der Abstürzende mit keinem Körperteil auf einem tiefer liegenden Bauteil oder dem Boden aufschlagen kann. Die maximale Länge des Verbindungsmittels einschließlich Falldämpfer darf 2 Meter (siehe Abs. 5.3.2) niemals überschreiten.
Im Bildbeispiel befindet sich der Anschlagpunkt ungünstigerweise auf Höhe des Standortes des Versicherten. Die Auffangöse seines Auffanggurtes befindet sich auf einer Höhe von ~ 1,5 m. Im Absturzfall fällt der Versicherte somit ~ 3,5 m nach unten. Hinzu kommt die Länge des aufreißenden Falldämpfers von bis zu 1,25 m (Ein 0,5 m langer Falldämpfer kann auf ~ 1,75 m Länge aufreißen.). Die gesamte Absturzhöhe beträgt somit ~ 4,75 m.
Der Anschlagpunkt muss stets so gewählt
werden, dass der Abstürzende mit keinem
Körperteil auf einem tiefer liegenden
Bauteil oder dem Boden aufschlagen
kann. Die maximale Länge des Verbindungsmittels
einschließlich Falldämpfer
darf 2 Meter (siehe ) niemals
überschreiten.Im Bildbeispiel befindet sich der Anschlagpunkt
ungünstigerweise auf Höhe
des Standortes des Versicherten. Die
Auffangöse seines Auffanggurtes befindet
sich auf einer Höhe von ~ 1,5 m. Im Absturzfall
fällt der Versicherte somit
~ 3,5 m nach unten. Hinzu kommt die
Länge des aufreißenden Falldämpfers von
bis zu 1,25 m (Ein 0,5 m langer Falldämpfer
kann auf ~ 1,75 m Länge aufreißen.).
Die gesamte Absturzhöhe beträgt somit
~ 4,75 m.

5.2   Auffangsysteme

Persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz dürfen ausschließlich in Auffangsystemen zum Einsatz kommen.
Auffangsysteme bestehen aus einem Auffanggurt und weiteren verschiedenen verbindenden Teilsystemen. Das Auffangsystem muss sicherstellen, dass abstürzende Personen sicher aufgefangen werden.
Zu Auffangsystemen siehe auch Regel „Benutzung von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz“ (BGR/GUV-R 198) und Norm „Persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz – Auffangsysteme“ (DIN EN 363).
Die Auffangsysteme gemäß Abb. 15 bis 18 werden unterschieden:
Abb. 15
Auffangsystem mit Steigschutzeinrichtung als feste Führung. Feste Führungen können als Schienensysteme oder als gespannte Stahlseile ausgeführt sein. Die Sicherung erfolgt über ein mitlaufendes Auffanggerät, das mit der Steigschutzöse des Auffanggurtes verbunden ist.
Auffangsystem mit Steigschutzeinrichtung als feste Führung. Feste Führungen können als Schienensysteme
oder als gespannte Stahlseile ausgeführt sein. Die Sicherung erfolgt über ein mitlaufendes Auffanggerät,
das mit der Steigschutzöse des Auffanggurtes verbunden ist.
Abb. 16
Auffangsystem mit mitlaufendem Auffanggerät an beweglicher Führung.
Auffangsystem mit mitlaufendem Auffanggerät an beweglicher Führung.
Abb. 17
Auffangsystem mit Falldämpfer: Der Auffanggurt wird über ein Verbindungsmittel und einen Falldämpfer mit einem Anschlagpunkt am Mast verbunden. Der Anschlagpunkt liegt möglichst oberhalb des Arbeitsplatzes.
Auffangsystem mit Falldämpfer: Der Auffanggurt wird über ein Verbindungsmittel und einen
Falldämpfer mit einem Anschlagpunkt am Mast verbunden. Der Anschlagpunkt liegt möglichst
oberhalb des Arbeitsplatzes.
Abb. 18
Auffangsysteme mit Höhensicherungsgeräten (DIN EN 360) sind an Freileitungen nur unter bestimmten Bedingungen einsetzbar (für Arbeiten an Isolatoren, bei denen die Höhensicherungsgeräte senkrecht oberhalb des Arbeitsbereiches, beispielsweise an einer Traverse, angebracht werden können).
Auffangsysteme mit Höhensicherungsgeräten (DIN EN 360) sind an Freileitungen nur unter bestimmten
Bedingungen einsetzbar (für Arbeiten an Isolatoren, bei denen die Höhensicherungsgeräte senkrecht
oberhalb des Arbeitsbereiches, beispielsweise an einer Traverse, angebracht werden können).

5.3   Komponenten von Auffangsystemen

5.3.1   Auffanggurte

Es werden Auffanggurte ausgewählt und eingesetzt, die den unterschiedlichen Anwendungsbedingungen beim Besteigen von und Arbeiten auf sowie Retten von Freileitungen gerecht werden. Die ist beispielsweise gewährleistet, wenn die Auffanggurte über
  • eine hintere und ggf. vordere Auffangöse,
  • ggf. eine Steigschutzöse,
  • zwei seitliche Halteösen,
  • Rückstütze und
  • Befestigungsmöglichkeiten für Werkzeuge etc.
verfügen.
Zu Auffanggurten siehe auch DIN EN 361 „Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz – Auffanggurte“.
Abb. 19
Beispiel für einen Auffanggurt nach DIN EN 361 mit ausgeprägter Rückenstütze
Beispiel für einen Auffanggurt nach
DIN EN 361 mit ausgeprägter Rückenstütze
Abb. 20
Beispiel für einen Auffanggurt nach DIN EN 361 mit vorderer Auffangöse und einer Steigschutzöse. Der Bauchgurt ist mit zwei seitlichen Halteösen ausgestattet.
Beispiel für einen Auffanggurt nach DIN EN 361
mit vorderer Auffangöse und einer Steigschutzöse.
Der Bauchgurt ist mit zwei seitlichen
Halteösen
ausgestattet.
Auffanggurte dürfen in Haltefunktion nur dann benutzt werden, wenn der Mitarbeiter gleichzeitig in der Auffangfunktion gesichert ist. Hierzu muss die Auffangöse des Gurtes mit einem Anschlagpunkt am Mast verbunden sein.
Abstürze in Auffanggurte, die in der Haltefunktion eingesetzt wurden, führen zu schwerwiegenden Verletzungen der Wirbelsäule. Eine Sicherung auf Zugangswegen von Freileitungen ist durch den Einsatz von Auffanggurten in der Haltefunktion nicht möglich.
Abb. 21
Die Versicherten sind durch Auffanggurte in der Auffangfunktion gesichert. Mit Halteseilen positionieren sie sich an der Arbeitsstelle.
Die Versicherten sind durch Auffanggurte in der
Auffangfunktion gesichert. Mit Halteseilen positionieren
sie sich an der Arbeitsstelle.
Abb. 22
Im Bildbeispiel gibt es keinen Schutz gegen Absturz. Es fehlt eine Sicherung über den Auffanggurt in der Auffangfunktion. Die Befestigung des Halteseils an einer Halteöse kann im Absturzfall zu erheblichen Verletzungen des Versicherten führen.
Im Bildbeispiel gibt es keinen Schutz gegen
Absturz. Es fehlt eine Sicherung über den Auffanggurt
in der Auffangfunktion. Die Befestigung
des Halteseils an einer Halteöse kann im Absturzfall
zu erheblichen Verletzungen des Versicherten
führen.
Abb. 23
Achtung: Keine Absturzsicherung, da der Auffanggurt nur in Haltefunktion eingesetzt wird!
 Keine Absturzsicherung, da der Auffanggurt
nur in Haltefunktion eingesetzt wird!

5.3.2   Verbindungsmittel

Verbindungsmittel nach EN 354 verbinden den Auffanggurt mit einem Anschlagpunkt oder mit einer beweglichen Führung.
Verbindungsmittel müssen geeignete Endverbindungen haben und dürfen einschließlich Falldämpfer nicht länger als 2 m sein. Bei ungünstigen Einsatzverhältnissen ist hierbei ein Absturz über eine Höhe von 4 m (2 x Verbindungsmittellänge) möglich. Bei größeren Absturzhöhen kann eine ordnungsgemäße Funktion der PSAgA nicht mehr gewährleistet sein.
Verbindungsmittel dürfen nicht geknotet werden, da hierdurch die Tragfähigkeit erheblich verringert wird.
Abb. 24
Verbindungsmittel mit integriertem Falldämpfer
Verbindungsmittel mit integriertem Falldämpfer
Abb. 25
Beispiel für einen gefährlichen Einsatz eines durch eine bewegliche Führung verlängerten Verbindungsmittels. Im Falle eines Absturzes ergibt sich eine Sturzhöhe von deutlich über 4 m. Zusätzlich gerät der Versicherte in eine Pendelbewegung mit Aufprall auf die Mastkonstruktion.
Beispiel für einen gefährlichen Einsatz eines
durch eine bewegliche Führung verlängerten
Verbindungsmittels. Im Falle eines Absturzes
ergibt sich eine Sturzhöhe von deutlich über 4 m.
Zusätzlich gerät der Versicherte in eine Pendelbewegung
mit Aufprall auf die Mastkonstruktion.
Abb. 26
Verbindungsmittel in Y-Ausführung („Y-Seil“) mit Falldämpfer zum gesicherten Wechseln von Anschlagpunkten.
Verbindungsmittel in Y-Ausführung („Y-Seil“) mit
Falldämpfer zum gesicherten Wechseln von Anschlagpunkten.

5.3.3   Falldämpfer

Falldämpfer sind Bestandteil eines Auffangsystems und verringern die bei einem Absturz auf den menschlichen Körper einwirkenden Kräfte auf ein verträgliches Maß von ≤ 6 kN. Verbindungsmittel mit Falldämpfer werden so angeschlagen, dass die Funktion der Falldämpfer nicht beeinträchtigt wird.
Beim Besteigen von und Arbeiten auf Freileitungen hat sich der Einsatz von Bandfalldämpfern aufgrund ihrer Witterungs- und Verschmutzungsunempfindlichkeit bewährt. Im Absturzfall führt das Aufreißen des Bandfalldämpfers zu einer Verlängerung der Sturzstrecke. Dies ist bei der Auswahl des Anschlagpunktes zu berücksichtigen.
Abb. 27
Während beim Einsatz eines Falldämpfers die Stoßkräfte auf ≤ 6 kN begrenzt werden, wird dieser Stoßkraftwert ohne Falldämpfer bereits bei einer Sturzhöhe von 1 m deutlich überschritten.
Während beim Einsatz eines Falldämpfers die Stoßkräfte
auf ≤ 6 kN begrenzt werden, wird dieser Stoßkraftwert
ohne Falldämpfer bereits bei einer Sturzhöhe
von 1 m deutlich überschritten.
Abb. 28
Beispiel für einen Bandfalldämpfer nach DIN EN 355
Beispiel für einen Bandfalldämpfer nach DIN EN 355
Abb. 29
Beispiel für einen Falldämpfer, in dem die Fallenergie in einem Fangstoß dämpfenden speziellen Traggeflecht absorbiert wird
Beispiel für einen Falldämpfer, in dem die Fallenergie
in einem Fangstoß dämpfenden speziellen
Traggeflecht absorbiert wird
Abb. 30
Kombination aus Bandfalldämpfer und einem elastisch ausgeführten Verbindungsmittel
Kombination aus Bandfalldämpfer und einem
elastisch ausgeführten Verbindungsmittel

5.3.4   Verbindungselemente

Verbindungselemente nach DIN EN 362 lassen sich öffnen und verbinden einzelne Komponenten eines Auffangsystems miteinander.
Zu den Verbindungselementen gehören Karabinerhaken.
Es sind Verbindungselemente mit mindestens einer zweifach und automatisch wirkenden Verschlusssicherung einzusetzen. An nur selten zu lösenden Verbindungsstellen sind dreifach wirkende Verschlusssicherungen zu bevorzugen.
Abb. 31
Unterschiedliche Bauformen von Karabinerhaken mit zwei- oder dreifach automatisch wirkenden Verschlusssicherungen
Unterschiedliche Bauformen von Karabinerhaken mit zwei- oder dreifach automatisch wirkenden
Verschlusssicherungen
Abb. 32
Beispiel für ein Halteseil mit einem zweifach gesicherten Karabinerhaken am Seilkürzer sowie einem automatisch zweifach gesicherten Karabiner am freien Ende
Beispiel für ein Halteseil mit einem zweifach
gesicherten Karabinerhaken am Seilkürzer
sowie einem automatisch zweifach gesicherten
Karabiner am freien Ende
Abb. 33
Beispiel für eine zusätzliche Sicherung des freien Endes eines Halteseils durch einen Wirbelverbinder an der Halteöse eines Auffanggurtes
Beispiel für eine zusätzliche Sicherung des freien
Endes eines Halteseils durch einen Wirbelverbinder
an der Halteöse eines Auffanggurtes

5.3.5   Hilfsmittel zur Schaffung von Anschlagpunkten

Da an Freileitungsmasten keine konstruktiv vorgesehenen Anschlagpunkte vorhanden sind, werden diese durch den Einsatz von Hilfsmitteln an Konstruktionsteilen geschaffen.
Die Konstruktionsteile müssen in der Lage sein, die bei Verwendung auftretenden Lasten aufnehmen zu können.
Die Hilfsmittel werden bestimmungsgemäß nach Angaben des Herstellers in der Gebrauchsanleitung eingesetzt.
Die nachfolgenden Sicherungsmethoden zum Einsatz von Auffangsystemen beim Besteigen von und Arbeiten auf Freileitungen stellen Lösungsbeispiele als Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung (siehe Abschnitte 3.1 und 3.2) dar. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung und der Auswahl bzw. Kombination der Sicherungsmethoden ist eine auf die speziellen betrieblichen Randbedingungen zugeschnittene Risikobeurteilung durchzuführen.
Abb. 34
Bandschlaufe zur Schaffung eines Anschlagpunktes
Bandschlaufe zur Schaffung eines Anschlagpunktes
Abb. 35
Seilschlaufe zur Schaffung eines Anschlagpunktes
Seilschlaufe zur Schaffung eines Anschlagpunktes
Abb. 36
Beispiele für Rohrhaken zur Schaffung eines Anschlagpunktes. Die Baugröße gestattet auch ein Umgreifen großer Mastbauteile.
Beispiele für Rohrhaken zur Schaffung eines Anschlagpunktes.
Die Baugröße gestattet auch ein
Umgreifen großer Mastbauteile.
Abb. 37
Beispiel einer speziellen Bandschlaufe für erhöhte Belastungen.
Im Belastungsfall können Band- und Seilschlaufen durch Scherkräfte in Konstruktionsteilen übermäßig belastet werden. Es empfiehlt sich ein Einsatz speziell für diese Verwendung ausgewiesener Schlaufen.
Beispiel einer speziellen Bandschlaufe für erhöhte
Belastungen.Im Belastungsfall können Band- und Seilschlaufen
durch Scherkräfte in Konstruktionsteilen
übermäßig belastet werden. Es empfiehlt sich ein
Einsatz speziell für diese Verwendung ausgewiesener
Schlaufen.
Zur Durchführung von Risikobeurteilungen stellt Anlage 1 beispielhaft eine „Systematik zur Auswahl von Sicherungsmethoden“ zum Schutz gegen Absturz an Freileitungen vor.
(Siehe auch Leitlinie „Risikobeurteilung von Arbeiten mit Absturzgefahr bei Verwendung von PSA gegen Absturz bzw. PSA zum Retten aus Höhen und Tiefen“ des Fachausschuss „Persönliche Schutzausrüstung“ sowie DIN EN ISO 14 121-1 „Sicherheit von Maschinen – Risikobeurteilung“.